"Tiroler Tageszeitung" Kommentar: "Falscher Freund" (Von Floo Weissmann)

Ausgabe vom 3.11.2009

Innsbruck (OTS) - Ausländer in Afghanistan sehen wie Hilfstruppen eines Betrügers aus.

Das Wahlfiasko in Afghanistan bedeutet für die Staatengemeinschaft einen politischen Super-GAU. Sie hat monatelange Vorbereitung, Millionen Dollars und Tausende zusätzliche Soldaten investiert, damit die Wahlen mitten im Krieg gegen die Taliban überhaupt stattfinden können. Die Demokratie sollte helfen, in Afghanistan tragfähige Strukturen aufzubauen, die es dem Ausland erlauben, sich schrittweise zurückzuziehen. Herausgekommen ist vorerst das Gegenteil.

An Karsai wird der Vorwurf der Wahlfälschung haften bleiben. Zwar hätte er wahrscheinlich auch ohne Manipulation gewonnen; so aber fehlt seiner Regierung die Legitimität. Und damit gerät auch die internationale Afghanistanmission in Erklärungsnot. Die 100.000 ausländischen Soldaten im Land sehen wie die Hilfstruppen eines Betrügers aus. Das bedeutet Wasser auf die Mühlen der Taliban.

Karsai war schon vor der Wahl vom Hoffnungsträger zum Problemfall mutiert. Seine Regierung gilt als korrupt und inkompetent und mitverantwortlich für die Verschlechterung der Lage. Zudem hat sich der Präsident mit zweifelhaften Warlords eingelassen. Die neue US-Regierung unter Präsident Obama hätte Karsai am liebsten fallen gelassen, doch sie fand vor der Wahl keine realistische Alternative.

Obama versinkt jetzt noch tiefer im Afghanistandilemma. Der Krieg wird in den USA immer unpopulärer, und von den Europäern ist keine zusätzliche Hilfe zu erwarten. Seit Monaten schraubt die US-Regierung die Kriegsziele zurück: Statt um Sieg wie noch zu Zeiten der Bush-Regierung geht es jetzt "nur noch" darum zu verhindern, dass Al-Kaida von Afghanistan aus wieder die USA bedrohen kann. Um aber eines Tages ohne Gesichtsverlust vor den amerikanischen Wählern abziehen zu können, braucht Obama dringend einen afghanischen Partner. Er ist jetzt ausgerechnet auf Karsai angewiesen.

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