DER STANDARD-Kommentar: "Grippeviren und Pharmateufel" von Eric Frey

"Verschwörungstheorien zur H1N1-Impfung gefährden die öffentliche Gesundheit"; Ausgabe vom 3.11.2009

Wien (OTS) - Pharmakonzerne genießen in der Öffentlichkeit einen Ruf, der irgendwo zwischen dem der Ölmultis und der Mafia liegt. Sie gelten als geldgierige Scharlatane, die Innovation vorgaukeln, um durch überhöhte Preise die öffentlichen Gesundheitssysteme zu ruinieren; Ärzte korrumpieren, damit sie teure Mittel verschreiben; mit unausgereiften Mitteln die Gesundheit der Patienten gefährden; die Bewohner der armen Länder der Welt entweder ignorieren oder als illegales Testlabor verwenden - und nebenher auch Tiere quälen. Taucht eine neue infektiöse Krankheit auf, für die entsprechende Medikamente entwickelt werden, dann heißt es, all das wäre bloß eine Erfindung der Pharmariesen, die damit ihre Umsätze ankurbeln wollen. Selten zuvor ist dieser Vorwurf so offen ausgesprochen worden wie bei der Schweinegrippe. Ob in Blogs, Fernsehberichten, Zeitungskommentaren oder im aktuellen Profil - stets heißt es, dass von der WHO, Regierungen und Gesundheitsexperten eine falsche Panik geschürt wurde, hinter der die Pharmalobby steht. Dabei schwingt ein massiver Korruptionsvorwurf mit, als ob die Pharmabosse gleichzeitig WHO-Chefin Margaret Chan, US-Präsident Barack Obama und Gesundheitsminister Alois Stöger gekauft hätten.
Nun kann man tatsächlich Zweifel darüber äußern, ob die Ausrufung der höchsten Pandemie-Stufe durch die WHO im Juni gerechtfertigt war, ob für den Normalbürger die Impfung gegen das H1N1-Virus notwendig ist, und ob der so rasch auf den Markt gebrachte Impfstoff ausreichend getestet worden ist. Und ja: Die Pharmakonzerne verdienen an den Impfungen ganz ausgezeichnet.
Aber spätestens die Verschärfung der Lage in der Ukraine sollte die Abwiegler und Verschwörungstheoretiker zum Schweigen bringen. H1N1 mag sich immer noch als relativ harmloser Erreger erweisen, so wie einst die Vogelgrippe nie wirklich gefährlich wurde, aber das Bedrohungspotenzial ist zweifellos vorhanden. Und sollte die Zahl der Grippetoten tatsächlich explodieren, wie würden die Kritiker dann aufheulen, wenn die WHO nicht rechtzeitig gewarnt und die Pharmakonzerne nicht mit hohem Einsatz Impfstoffe entwickelt hätten? Natürlich hat die Industrie nicht aus Selbstlosigkeit gearbeitet, sondern weil sie daran verdienen will. So ist das in der Marktwirtschaft. Glaubt irgendjemand, dass die öffentliche Hand oder Non-Profit-Gruppen Arzneimittel billiger und besser produzieren würden?
Das ständige Verteufeln der Pharmakonzerne ist unsinnig und kontraproduktiv. So lenkt in der heimischen Gesundheitsdebatte der ständige Ruf nach Preissenkungen bei Medikamenten von viel größeren Sparmöglichkeiten ab, vor allem dem Föderalismusunwesen bei den Krankenhäusern.
Das Misstrauen gegenüber der Branche führt dazu, dass höchst effektive Mittel vom Markt genommen werden müssen, sobald die Berichterstattung über gefährliche Nebenwirkungen überhand nimmt -wie etwa das Schmerzmittel Vioxx, dem viele Patienten immer noch nachtrauern. Je länger dann getestet wird, desto teurer werden neue Arzneien - was wiederum den Herstellern angekreidet wird.
Und während kritische Konsumenten Angaben der Pharmahersteller a priori bezweifeln, fallen sie reihenweise auf die völlig unbewiesenen Behauptungen der Homöopathie hinein.
Auch bei der Schweinegrippe ist die Anti-Pharma-Stimmung, zu der selbst Mediziner neigen, eine gesundheitspolitische Falle. Niemand sollte genötigt werden, sich impfen zu lassen. Aber solange das Ausmaß der Bedrohung nicht abschätzbar ist, muss man froh sein, dass Impfstoffe zur Verfügung stehen. Sie könnten tatsächlich Leben retten.

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