Gedenkveranstaltung für Carsten Peter Thiede in Wien

Der Papyrologe, Historiker und anglikanische Priester war durch sein Eintreten für die Frühdatierung des Neuen Testaments weltweit bekanntgeworden - Kardinal Schönborn hält Predigt in der anglikanischen "Christ Church", erstmals anglikanische Vesper im Stephansdoms

Wien, 02.11.2009 (KAP) Für den vor fünf Jahren verstorbenen deutschen Papyrologen und Historiker Carsten Peter Thiede findet am 4./5. November in Wien eine große Gedenkveranstaltung statt. Thiede, ein aus Deutschland stammender anglikanischer Priester, löste in der Fachwelt, aber auch im interessierten Publikum durch seine Forschungen über eine Frühdatierung insbesondere des Matthäus-Evangeliums großes Aufsehen aus. Kardinal Christoph Schönborn war mit Thiede sehr verbunden. Er wird am Mittwoch, 4. November, beim "Choral Evensong" (anglikanische Vesper) um 17.30 Uhr in der anglikanischen "Christ Church" in der Jauresgasse die Predigt halten. Zum Abschluss der Gedenkveranstaltung wird am 5. November um 17 Uhr erstmals im Stephansdom eine anglikanische Vesper stattfinden.

Ort der Vorlesungen der Gedenkveranstaltung am 5. November ist der Stephanisaal im Curhaus (1010 Wien, Stephansplatz 3). Kardinal Schönborn wird um 9 Uhr die Einführung halten, die Referenten sind der Papyrologe Hans Förster ("Carsten Peter Thiede als Forscher und Papyrologe"), der für Kontinentaleuropa zuständige anglikanische Bischof von Gibraltar, Geoffrey Rowell ("Die 'Essays on Miracles' von John Henry Newman im kritischen Kontext"), die methodistische Theologin Margaret Barker ("Tempeltheologie") und der anglikanische Bischof von Durham und herausragende Neutestamentler Tom Wright ("Die historische Verlässlichkeit des Neuen Testaments"). Bischof Wright sagt unumwunden: "Die biblischen und die historischen Arbeiten von Carsten Peter Thiede haben einen entscheidenden Beitrag geleistet, das Vertrauen in die historische Verlässlichkeit des Neuen Testaments neu zu untermauern. Das daraus resultierende Vertrauen in die Texte sollte die Kirche für ihren Missionsauftrag in einer konfusen Welt animieren. Historische Verlässlichkeit bedeutet nicht, dass die Kirche sich jetzt zurücklehnen und weiter machen kann wie bisher".

Carsten Peter Thiede wurde am 8. August 1952 in Berlin geboren; er starb nach einem Herzinfarkt am 14. Dezember 2004 in Paderborn. Er lehrte zuletzt als Professor für Umwelt- und Zeitgeschichte des Neuen Testaments an der Staatsunabhängigen Theologischen Hochschule (STH) in Basel und hatte einen Lehrauftrag an der Ben-Gurion-Universität des Negev in Beer-Sheva.

In Westberlin als Sohn eines Beamten aufgewachsen, studierte Thiede Vergleichende Literaturwissenschaften und Geschichte. 1976 ging er nach Oxford, wo er anfing, sich für neutestamentliche Papyri zu interessieren. Dort trat er auch der anglikanischen Kirche bei.

Ab 1978 lehrte er in Genf Literatur, behielt jedoch enge Verbindungen zu Oxford und England, wo er 1982 auch heiratete. Nach seiner Heirat lebte er in London. Anfang der neunziger Jahre zog er nach Paderborn, wo er in der Forschung arbeitete und bei den britischen Truppen als Laienseelsorger und später als erster deutscher Militärkaplan der britischen Armee tätig war. In dieser Zeit wurden auch seine drei Kinder Miriam, Emily und Frederick geboren.

Zu Weihnachten 1994 wurde Thiede einer breiten Öffentlichkeit bekannt, als die "Times" auf der Titelseite das Resultat eines Artikels aus seiner Feder veröffentlichte, den er zuvor in der Zeitschrift für Papyrologie und Epigraphik publiziert hatte: Thiede hatte Papyrusfragmente des Matthäusevangeliums, die 1901 in Oberägypten entdeckt wurden und im "Magdalen College" in Oxford aufbewahrt werden, aus paläographischen Gründen auf die sechziger Jahre des 1. Jahrhunderts datiert. Diese Neudatierung des sogenannten Papyrus 64, den die frühere Forschung auf 200 n.Chr. angesetzt hatte, wird von einigen Paläographen und Papyrologen kritisiert. Ähnliches gilt für eine frühere Veröffentlichung Thiedes zu den Textfunden von Qumran, in der er argumentierte, eines der kleinen Papyrus-Fragmente aus der Höhle 7 von Qumran enthalte Textpassagen des Markus-Evangeliums.

(ende)
nnnn

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | KAT0003