Das finnische Innovationssystem auf dem Prüfstand

Wien (OTS/WIFO) - Das finnische Innovationssystem und die Innovationspolitik gelten international als vorbildlich. Eine Evaluierung des Innovationssystems durch eine international besetzte Arbeitsgruppe legt jedoch - ähnlich wie die Systemevaluierung durch das WIFO für Österreich - radikale Reformen nahe, um für künftige Herausforderungen fit zu sein.

Der Arbeitsgruppe, die von Reinhilde Veugelers (Katholieke Universiteit Leuven) geleitet wurde, gehörte neben Dan Breznitz (Georgia Institute of Technology, USA), Charles Enquist (Lund University, Schweden), Gordon Murray (University of Exeter, Großbritannien) und Gianmarco Ottaviano (Università Bocconi, Italien) der Leiter des WIFO, Karl Aiginger, an. Expertinnen und Experten aus Finnland brachten darüber hinaus die besonderen Interessen und Kenntnisse der finnischen Innovationslandschaft ein.

Dank exzellenter Innovationen und eines hervorragenden Bildungssystems hat Finnland den größten Teil des Produktivitätsvorsprungs der USA aufgeholt und die schweren Wirtschaftskrisen der 1990er-Jahre überwunden. Finnland ist heute führend in der Informationstechnologie. Dennoch zeigen verschiedene Innovationsindikatoren seit 2000 wieder eine Abwärtstendenz an. Zu den wichtigsten Schwachstellen zählen:

- Das finnische Innovationssystem ist zu sehr angebotsorientiert (von technologischen Möglichkeiten geprägt) und sollte stärker nachfragegesteuert werden. Dafür sind direkte Interventionen (durch staatliche oder staatsnahe Akteure und Fonds) weniger hilfreich, es müssen indirekte Anreize geschaffen werden.

- Das System ist zu wenig auf neue Akteure und radikale Innovationen abgestimmt, auch hier entscheiden Anreize, Rahmenbedingungen und nicht Behörden.

- Die Akteure des Innovationssystems bevorzugen traditionelle, schon lange auf dem Markt tätige Unternehmen und graduelle Verbesserungen in Branchen und bestehenden Clustern unabhängig von den künftigen Marktchancen Standortvorteilen. Die Chancen von - auch riskanten -Neugründungen sowie Gründungen aus Universitäten heraus werden zu wenig unterstützt.

- Das System ist unnötig komplex, für neu in den Markt eintretende Unternehmen und Outsider zu wenig zugänglich und offen.

- Obwohl das finnische Bildungssystem im internationalen Vergleich sehr gut abschneidet und auch ein hohes Ausmaß an Chancengleichheit bietet (vgl. PISA Rating durch die OECD), sollte es stärker internationalisiert werden, interaktiver werden, auf Unternehmertum (Entrepreneurship), Kreativität und innovativen Unterricht setzen.

Das vielleicht überraschendste Ergebnis der Evaluierung ist, dass die finnische Wirtschaft deutlich weniger globalisiert ist als in der nationalen und internationalen Wirtschaftspolitik und Wirtschaftsforschung angenommen. Überdies ist Finnland einseitig internationalisiert: Finnische Unternehmen sind auf dem Weltmarkt aktiv, aber im Inland werden wenige Unternehmen durch internationale Konzerne gegründet, und auch das Bildungs- und Forschungssystem nutzt nicht den weltweiten Pool an Forschern bzw. Forscherinnen, Studierenden und Wissen. Die finnische Wirtschaft ist wesentlich weniger globalisiert als die der anderen skandinavischen Länder und liegt weit hinter den führenden Ländern Irland, Schweiz, Niederlande. Sie ist auch weniger globalisiert als etwa jene von Österreich oder Belgien. Finnland produziert weniger als 1% des weltweiten Wissens, würde also besonders profitieren, wenn es diesen internationalen Wissenspool stärker nutzen könnte.

Die Zukunft der finnischen Wirtschaft hängt weniger an einigen führenden Unternehmen als an einer umfassenden breiten unternehmerischen Initiative. Statt direkter staatlicher Intervention über Institutionen sollten Rahmenbedingungen und Anreize die Fähigkeit und das Streben von Unternehmen und Märkten unterstützen, einen Bedarf auszuloten und zu nutzen. Die Institutionen sind gut finanziert und hervorragend mit Expertise ausgestattet. Sie sind aber in Veränderungsprozessen zu wenig flexibel und einer konformen Denkweise verhaftet.

Der Fokus der Innovationspolitik soll vermehrt von etablierten Großunternehmen und bestehenden Institutionen in Richtung Personen und Unternehmen mit optimalen Anreizen verschoben werden. Bisher konzentrierte sich Finnland auf die Forschung in bestehenden Unternehmen, künftig sollten Strukturwandel, Neueintritte und Marktaustritte als Quellen der Innovation genutzt werden. Steuerliche Anreize, die bisher in Finnland fast fehlen, werden zumindest für Venture Capital und für Betriebsgründungen vorgeschlagen und sollten auch generell zur Stimulierung der Forschungstätigkeit überlegt werden.

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Prof. Dr. Karl Aiginger
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