Schule darf nicht Spielball der Parteipolitik sein

Wien (OTS) - Sehr geehrter Herr Bundeskanzler,
sehr geehrter Herr Vizekanzler,
sehr geehrte Frau Bundesministerin für Unterricht, Kunst und Kultur sehr geehrte Bundesvorsitzende der im Nationalrat vertretenen Parteien!

Österreichs Wohlstand von heute ist in hohem Maß Ergebnis eines leistungsstarken Schulwesens, das Österreich bisher von vielen anderen Staaten positiv unterschied. Ein klarer Beweis: Es gibt kaum einen anderen Staat mit einer so niedrigen Jugendarbeitslosigkeit. Dass diese Vorrangstellung Österreichs bisher auch der Wirtschaftskrise standgehalten hat, macht uns als Österreichs Leh-rerInnen froh und stolz.

Seit Jahren aber wird dieses österreichische Schulwesen als Spielball parteipolitischer Auseinandersetzung missbraucht. Sowohl im Namen der LehrerInnen, die wir vertreten, als auch der Schule, für deren Qualität wir uns mitverantwortlich betrachten, fordern wir Sie auf, dieses miese Spiel unverzüglich einzustellen. Es reicht nicht nur uns, es reicht den 120 000 LehrerInnen, es reicht in immer höherem Ausmaß allen an der Schule Beteiligten!

Es ist inakzeptabel, wenn PolitikerInnen VOR der Wahl das Kaputtsparen des österreichischen Schulwesens anprangern und Investitionen in die Bildung versprechen, NACH der Wahl aber von einem der teuersten Schulwesen sprechen. Österreichs LehrerInnen arbeiten mit großem Einsatz unter schwierigsten Bedingungen. Polemische und durch nichts zu rechtfertigende Angriffe und Pauschalverurteilungen machen uns sauer. Wir LehrerInnen sind keine Zitronen, die man nach Belieben auspressen kann.

Es ist untragbar, dass manche PolitkerInnen die Begriffe "Gesamtschule" und "Ganztagsschule" wild durcheinanderwürfeln und damit nicht nur ihre Unkenntnis in Bildungsfragen offen zur Schau stellen, sondern auch noch weitere Verunsicherung bei LehrerInnen, SchülerInnen und Eltern stiften.

Es ist untragbar, dass manche PolitikerInnen die Arbeit der LehrerInnen als Halbtagsjob hingestellt haben und, nach den Ereignissen des vergangenen Februars, schon wieder von einer "notwendigen" Erhöhung der Arbeitszeit sprechen. Kennen Sie die Ergebnisse der inzwischen neun Jahre alten "LehrerIn 2000"-Studie nicht mehr, haben Sie die analogen Ergebnisse der erst vier Monate alten TALIS-Studie noch nicht zur Kenntnis genommen, oder ignorieren Sie diese bewusst? Zwei ihrer Kernaussagen:

  • Österreichs LehrerInnen arbeiten angesichts eines an den Schulen völlig fehlenden Support-Systems (PsychologInnen, SozialarbeiterInnen und Unterstützung im administrativen Bereich) und katastrophaler "Arbeitsplätze", die eine Zumutung für DienstnehmerInnen des 21. Jahrhunderts sind, unter extrem belastenden und unzumutbaren Rahmenbedingungen.
  • Die wöchentliche Gesamtarbeitszeit der LehrerInnen übersteigt 40 Stunden deutlich.

Teure Studien in Auftrag zu geben, ihre Ergebnisse aber seit Jahren weitestgehend zu ignorieren oder sogar auf den Kopf zu stellen, bedeutet einen fahrlässigen Umgang mit Steuergeldern. Suchen Sie sich eine fachkundige Person Ihres Vertrauens, die diese Studien mit offenen Augen liest und Ihnen objektiv berichtet! Dann werden Sie die Stärken ebenso wie den Entwicklungsbedarf erkennen und daraus eine zukunftsorientierte Bildungspolitik ableiten können!

Binden Sie uns LehrerInnen bei der Erstellung Ihrer Bildungskonzepte ein, denn wir sind die ExpertInnen der Praxis, die einzigen Fachleute, die den schulischen Alltag direkt erleben! Wir sind nicht die "Blockierer", als die uns PolitikerInnen und Medien gezielt hinstellen. Auch wir haben innovative Ideen und Vorschläge für eine AHS mit Zukunft. Reden Sie mit uns und machen Sie die Vergabe ihrer Verhandlungstermine nicht von
parteitaktischen Überlegungen abhängig!

Sorgen Sie dafür, dass in Österreich schnellstens eine verantwortungsbewusste Schulpolitik Einzug hält, die sich FÜR und NICHT GEGEN die Schule und die LehrerInnen richtet!

Sorgen Sie für eine faire und wertschätzende Behandlung der LehrerInnen durch ihren Dienstgeber! Nur motivierte LehrerInnen können gute Arbeit leisten! Tragen Sie dazu bei, dass der Lehrberuf Ansehen und Attraktivität zurückgewinnt, damit möglichst
viele leistungsstarke junge Menschen diesen Beruf ergreifen wollen!

Sorgen Sie für Ressourcen, die eine positive Weiterentwicklung der österreichischen Schule ermöglichen, schaffen Sie aber auch Gesetze, die die Ressortleitung zu einem verantwortungsbewussten Umgang mit den Ressourcen anhalten!

Sorgen Sie für eine Wende in Österreichs Schulpolitik! Österreichs LehrerInnen wünschen sich eine Unterrichtsministerin, die ihr Ansehen und ihre Autorität fördert, einen Bundeskanzler, der ihren Beruf nicht als Halbtagsjob bezeichnet und einen Finanzminister, der das erforderliche Geld bereitstellt.

Sorgen Sie für Schulgebäude und Arbeitsplätze, die den Aufgaben einer modernen Schule entsprechen!

Werden Sie Ihrer Verantwortung gerecht! Schaffen Sie den Nährboden für eine positive Entwicklung des Schulwesens!

Nicht sofort zu handeln ist verantwortungslos.

Mag. Gerhard Riegler
ÖPU-Vorsitzender Mag. Eva Scholik
FCG-Bundesvorsitzende

Wien, am 27. Oktober 2009

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Eva Scholik
FCG-Bundesvorsitzende der AHS-Gewerkschaft
eva.scholik@oepu.at

Gerhard Riegler
ÖPU-Bundesvorsitzender
gerhard.riegler@oepu.at

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