- 23.10.2009, 18:29:38
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"Die Presse" - Leitartikel: Logik statt Twitter, von Michael Fleischhacker
Ausgabe vom 24.10.2009
Wien (OTS) - Die Audimax-Demonstranten sind gute Österreicher. Sie
verwechseln Chancengleichheit und Leistungsfreiheit.
Studentenrevolten sind auch nicht mehr das, was sie einmal waren,
werden sich die alten Kameraden denken, die in den 60er-Jahren die
Welt im Allgemeinen und die Universitäten im Besonderen verbessern
wollten. Die Mischung aus Flashmob-Party und Voodoo-Ideologie im
Audimax der Uni Wien, die man als Internetnutzer in Echtzeit
verfolgen konnte, hinterlässt einen ambivalenten Eindruck.
Da lassen sich zunächst wieder die Organisationsformen und -muster
beobachten, die spätestens seit der iranischen "Twitter-Revolution"
als Musterbeispiele "wirklicher Demokratie" gelten. Die etablierten
Institutionen schauen in solchen Situationen ein wenig alt aus,
diesfalls die Österreichische Hochschülerschaft (ÖH) als gesetzliche
Interessenvertretung der Studierenden. Sie unterstützt das Ding
irgendwie, scheint aber nicht zu wissen, was sie wollen soll. Die
politischen Parteien wissen auch nicht, was sie mit der Sache
anfangen sollen. Und dass Peter Pilz der Party einen Besuch
abstattete, um zu versichern, dass er spätestens dann wieder da sein
würde, wenn die Polizei versuchen sollte, das Audimax zu räumen, sagt
auch mehr über den Zustand des Peter Pilz aus als über den Zustand
der österreichischen Universitäten.
Um diesen Zustand geht es ja eigentlich bei den Protesten. Und der
ist miserabel, da haben die selbst organisierten Studenten sicher
recht. Allerdings gehen die Forderungen, die man aus dem Wust der
basisdemokratischen Meinungsflut destillieren kann, an den wirklichen
Problemen der österreichischen Universitäten meilenweit vorbei. Der
alte Hut vom freien Hochschulzugang passt nicht mehr.
Schon vor zehn Jahren hat sich gezeigt, dass der österreichische
Sonderweg in der Universitätspolitik am Ende der Sackgasse angekommen
ist, in die man unter der Führung von Bruno Kreisky so stolz
geschritten war. Die Idee, dass der freie Hochschulzugang großflächig
"soziale Mobilität" - also das Ende der "Vererbung" akademischer
Abschlüsse von einer Generation auf die andere - zur Folge haben
würde, hat sich schon damals als Irrtum erwiesen. Statt für eine
Chancenumverteilung zu sorgen, hat er ein System der Umverteilung von
unten nach oben etabliert und zementiert: Es wurden weiter in erster
Linie die Kinder von Akademikern Akademiker, nur wurden diese
Abschlüsse nun nicht mehr von den Akademikerfamilien finanziert,
sondern von der öffentlichen Hand. Also auch von den Eltern jener
Jugendlichen, die weiterhin keinen akademischen Abschluss erwarben.
Hinter dieser Fehlentwicklung steckt ein prinzipieller Irrtum, der in
Österreich zum gesellschaftspolitischen Common Sense geworden ist und
nicht nur die Bildungspolitik, sondern auch die Sozialpolitik an den
Rand der Unreformierbarkeit gebracht hat: die Verwechslung von
Chancengleichheit und Leistungsfreiheit. Eine Gesellschaft, die ihre
öffentlichen Zuwendungen nicht an Leistungskriterien bindet, schafft
keine Chancengleichheit. Sie verhindert sie, indem sie
Erfolgsaussichten an bereits vorhandene materielle Ressourcen bindet.
Die von der schwarz-blauen Regierung eingeführten Studiengebühren
waren eine - funktionierende - Notlösung zur Reduktion der
Studierendenzahlen und Erhöhung der Mittel. Das hätte die Möglichkeit
geboten, im nächsten Schritt das einzig sinnvolle Universitätssystem
zu etablieren: eine begrenzte, aber gut ausgestattete Zahl von
Studienplätzen, die nach Leistungskriterien vergeben werden.
Studiengebühren, die als Gegenleistung für verbesserte
Zukunftschancen zu dieser Ausstattung beitragen und über umfangreiche
Stipendienangebote soziale Selektion verhindern. Das schafft
Chancengleichheit. Leistungsfreiheit hingegen führt nur dazu, dass
die zu einem Abschluss gelangen, deren Eltern sich das Studium ihrer
Kinder lange genug leisten können.
Man muss der schwarz-blauen Regierung vorwerfen, dass sie diese
Chance nicht genutzt hat. Mit der Abschaffung der Studiengebühren in
der Wahlgeschenksorgie vom 24. September 2008 ist aber auch der
notdürftige Damm der Studiengebühren gebrochen. Wir stehen wieder
dort, wo wir 2000 gestanden sind. Wissenschaftsminister Johannes Hahn
tut so, als ob es mit der Wiedereinführung der Studiengebühren getan
wäre. Er irrt. Sie könnten maximal die Atempause bringen, die sie
schon 2000 gebracht haben. Vielleicht hofft er, dass das bald nicht
mehr sein Problem ist.
Die protestierenden Studenten im Audimax schlagen zur Lösung ihres
Problems die Maßnahmen vor, die es verursacht haben. Vielleicht wäre
es schlauer, per SMS eine Logikvorlesung zu organisieren, als
Uraltparolen zu twittern.
Rückfragehinweis:
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