WirtschaftsBlatt-Leitartikel: Wo versteckt sich die Finanzaufsicht? - von Robert Lechner

Einst gewagte Deals werden nun durch noch gewagtere ersetzt

Wien (OTS) - Sagt ein Banker zum anderen: "Ich bräuchte fünf Millionen Kredit von Dir." Geht nicht, sagt der andere. "Ich schenke sie Dir, aber nur unter einer Bedingung: Du nimmst bei mir 35 Millionen auf. Mit den 30 Millionen, die Du nicht brauchst, kaufst Du unserer Bank ein Grundstück oder eine Forderung gegenüber Kunden ab, die wir gerade nicht so richtig bewerten können. Dann haben wir nicht nur einen Preis für das fragliche Vermögen, sondern können auch den Rest unserer madigen Assets aufwerten." Passt, sagt der andere und freut sich schon auf seinen Abendtermin - mit einem Banker.

Ein Schelm, wer jetzt denkt, solche Gespräche könnten sich zuletzt etwa in der Credit Suisse abgespielt haben, die gestern einen Quartalsgewinn von fast zweieinhalb Milliarden Franken meldete. Oder, dass in den vergangenen Monaten ähnliche Deals bei Morgan Stanley abgelaufen sind, die kürzlich fast 800 Millionen Dollar Profit für das dritte Jahresviertel bekannt gab oder gar in einer der österreichischen Banken. Tatsache ist freilich, dass schon wieder kein Finanzaufseher auch nur einen Finger rührt und die plötzlichen Milliardengewinne hinterfragt. Wo sind die Experten der SEC? Was ist der Input der Finanzaufsicht in London? Es gibt ihn nicht, und viele gehen davon aus, dass er auch nicht so bald kommt. Denn die komplizierten Geschäfte mit CDO (Collaterized Debt Obligations) und darauf gehandelten CDS (Credit Default Swaps) werden von den Investmentbankern gerade durch noch undurchschaubarere Deals ersetzt. Distressed Debt Transactions heißt das neue Zauberwort.

Dahinter steckt oft nichts anderes als der Handel mit faulen CDO und CDS. Die Finanzwelt hat damit eine zusätzliche Ebene erfunden. Am wackeligen Fundament hat sich freilich nichts geändert. Zur Erinnerung: Noch vor wenigen Monaten hieß es seitens IWF und Weltbank, dass Wertpapiere von einst 60.000 Milliarden Dollar nicht zu bewerten sind. Ein Mal das BIP der Welt.

Österreich und seine Banken brauchen sich derzeit dennoch nicht zu fürchten, erklärt Finanzminister Josef Pröll. Eine Einstellung, die sich aus der Natur seines Jobs ergibt. Aber wenn es den Banken wirklich so gut geht, dann könnten sie ja zumindest die Realwirtschaft wieder mit Krediten zu akzeptablen Risikoaufschlägen versorgen.

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