"Die Menschen so sehen, wie Jesus sie sieht"

Kardinal Schönborn eröffnete mit einer programmatischen Ansprache unter dem Titel "Eine neue Epoche des Christentums" die 1. Diözesanversammlung der Erzdiözese Wien -"Apostelgeschichte 2010" auf den Spuren des Apostelkonzils von Jerusalem

Wien, 22.10.2009 (KAP) Die Menschen von heute so sehen, wie Jesus sie sieht: Dazu hat Kardinal Christoph Schönborn am Donnerstag im Wiener Stephansdom bei der Eröffnung der 1. Diözesanversammlung zur großen Missionsinitiative "Apostelgeschichte 2010" aufgerufen. Mit den Augen Jesu sehen zu lernen, sei der "Kern der Mission", sagte der Erzbischof von Wien. Auch für ihn persönlich sei dies zur Kernfrage seines Lebens geworden.

Aus dieser Frage sei in seiner Erfahrung ein "fünffaches Ja Gottes" zur Gegenwart geworden, betonte Kardinal Schönborn, der seine Ansprache unter den programmatischen Titel "Eine neue Epoche des Christentums" stellte. Es gehe darum, "Ja" zu sagen "zum Heute, in dem wir leben. Gott liebt diese Zeit, die Menschen heute". "Lassen wir die Nostalgie", appellierte der Wiener Erzbischof an Priester und Laienchristen: "Wir leben nicht in den kirchenboomenden fünfziger Jahren, in den konzilsbegeisterten sechziger Jahren, in den stürmischen Jahren nach 1968. Wir leben heute".

Man müsse aber auch "Ja" sagen zur konkreten Situation. Die Kirche sei, besonders in Wien, gewaltig geschrumpft. Wörtlich sagte Kardinal Schönborn in diesem Zusammenhang: "Wir müssen manches loslassen, was uns unersetzlich scheint". Es gehe aber auch darum, "Ja" zu sagen zu dem, "was wächst, was Förderung braucht und was uns Gottes Weg in dieser Zeit zeigt". Die Kirche in Wien spiegle heute die Weltkirche wider. Fast 30 Prozent der Priester im Diözesandienst hätten eine nichtösterreichische Herkunft. Und die anderssprachigen Gemeinden bildeten einen "erheblichen Teil" der Kirche in Wien.

Eindringlich appellierte der Wiener Erzbischof an Priester und Laienchristen, im Sinn des Zweiten Vatikanischen Konzils "Ja" zu sagen zur "gemeinsamen Berufung als getaufte und gefirmte Christen". Für den gemeinsamen Auftrag sei der erste Satz des Konzilsdekrets "Lumen Gentium" besonders wichtig: "Christus ist das Licht der Völker. Darum ist es der dringende Wunsch dieser Synode, alle Menschen durch seine Herrlichkeit zu erleuchten, die auf dem Antlitz der Kirche widerscheint". Jeder Christ, jede Christin sei ein Antlitz der Kirche, auf dem Christus leuchtet. Der Sendungsauftrag aller getauften Christen sei daher zuerst ein persönlicher. Mission gehe nur "face to face", von Angesicht zu Angesicht. So solle auch die Diözesanversammlung verstanden werden: nicht zuerst Papiere produzieren, sondern einander "face to face" begegnen. Alle Strukturfragen, "die uns zu Recht bewegen", würden von diesem Punkt ausgehen, betonte Kardinal Schönborn: "Wie können wir 'nahe bei den Menschen' bleiben bzw. ihnen wieder näherkommen".

"Aktive Minderheit"

Als "aktive Minderheit" in der Gesellschaft von heute werde es immer wichtiger, dass die Christen das Prinzip "Stellvertretung" leben, unterstrich der Kardinal: "Wir tragen im Glauben, in unserem Beten und Feiern viele andere mit". Man könne es den "anderen" auch gelegentlich sagen, dass ihre Sorgen und Anliegen in die Messfeier mitgenommen werden.

Schließlich erinnerte der Wiener Erzbischof daran, dass die Pfarren, katholischen Gemeinschaften und kirchlichen Einrichtungen ein großes "Netzwerk der Nächstenliebe" bilden. Das geschehe in einer spannungsreichen Situation: Einerseits würden Mittel und Möglichkeiten weniger, andererseits die Nöte und Herausforderungen größer. Umso mehr sei die "Fantasie der Nächstenliebe" gefordert. Das "Ja" zum gesellschaftlichen Auftrag sei ein wesentlicher Teil der Mission.

Die Kirche - und auch die Gesellschaft - erlebe heute die "größten Veränderungen und Umbrüche" seit langem, erinnerte Kardinal Schönborn. Als Modell zur Gestaltung dieser Situation schwebe ihm das Modell des "Apostelkonzils" vor, wie es in der Apostelgeschichte beschrieben wird. Damals sei es um die Frage gegangen, ob sich die Kirche auch für die Heiden öffnen solle und ob die Heiden das Gesetz des Moses übernehmen müssen, um Christen werden zu können. Statt sich von diesen dramatischen Fragen lähmen zu lassen, hätten die Apostel einen anderen Weg gewählt: "Sie haben einander erzählt, was Gott in ihrer Mitte gewirkt hat". Daraus sei die Einigung entstanden.

Bei der 1. Diözesanversammlung solle etwas ähnliches geschehen, so der Wiener Erzbischof: "Auch unter uns gibt es große Unterschiede im Kirchenbild, in der Glaubensgeschichte, in den gesellschaftlichen Akzenten. Aber wenn wir wie im Apostelkonzil wirklich auf die Glaubenserfahrung des anderen hören, kann es zu einer so starken Gemeinsamkeit kommen wie damals in Jerusalem".

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