Jugendliches Risikoverhalten: Nachlese zum KfV-Fachsymposium

Das Schaffen von Räumen für kontrolliertes Risiko und Peer-Education werden von Experten als zielführende Ansätze der Risikoprävention bei Jugendlichen gesehen

Wien (OTS) - 157.700 Jugendliche verunglückten im Jahr 2008 bei einem Unfall. Verglichen mit anderen Altersgruppen besteht in der Gruppe der 15- bis 24-Jährigen insgesamt das höchste Unfallrisiko. Die erhöhte Risikobereitschaft Jugendlicher entstehe aus der Überforderung durch die Ansprüche der Gesellschaft, sagte Mag. Bernhard Heinzlmaier, Vorsitzender des Instituts für Jugendkulturforschung anlässlich des Fachsymposiums "Jugend:Risiko?" des Kuratoriums für Verkehrssicherheit (KfV). Heute gäbe es für Jugendliche unendlich viele Möglichkeiten, gleichzeitig entstünde daraus ein von Jugendlichen als beängstigend wahrgenommener Drang, das Beste herauszuholen und einzigartig zu sein. 60 Prozent der 11-bis 19-Jährigen fühlen sich einem starken Druck in der Schule ausgesetzt und sind der Ansicht, dass Anerkennung von den Eltern nur mit schulischem Erfolg erlangt werden kann. Doch gesellschaftliche bzw. familiäre Anforderungen werden oft als nicht erreichbar wahrgenommen.

Risikoverhalten als Ausweg aus der Überforderung

Risiko ist nötiger Teil der jugendlichen Entwicklung, allerdings in Form von produktivem, kalkulierbarem Risiko, erläuterte Dr. Klaus Hurrelmann, Professor für Sozial- und Gesundheitswissenschaften an den Universitäten Bielefeld/Berlin. Unproduktives, d.h. unkalkulierbares Risiko wird dann eingegangen, wenn es nicht gelingt, ein Gleichgewicht zwischen den eigenen Leistungen und den Anforderungen der Gesellschaft herzustellen. Aus Sicht der Jugendlichen hat riskantes Verhalten mehrfachen Nutzen: sozial in Form von Ankerkennung Gleichaltriger, psychisch als Selbstwertbestätigung sowie physiologisch durch das Erleben von Erregung und Nervenkitzel. Die Ausprägungen riskanten Verhaltens sind dabei sehr unterschiedlich, auch in Abhängigkeit von der sozialen Lage.

Unterschiedliche Äußerungsformen von riskantem Verhalten

Viele Verhaltensformen erfüllen den Zweck, einen Kontrast zur Gesellschaft einzugehen, z.B. die Flucht in Computerspiel-Welten wie "World of Warcraft" oder in Gruppierungen, die sich stark abheben, wie etwa die Gothic-Szene. Eine weitere Möglichkeit, aus den Normen und Regeln der Gesellschaft auszubrechen sind Events wie z.B. Flat-Rate-Partys, die für Jugendliche eine kompensatorische Funktion haben: Hier kann vorübergehend ein explizit anderes Verhalten als von der Gesellschaft gefordert gezeigt werden. Heinzlmaier bezeichnet dies als "Grenzüberschreitung mit Rückfahrkarte", d.h. das Risiko wird bewusst aber zeitlich beschränkt eingegangen. Ziel der Jugendlichen sei aber nicht, sich ins Koma zu trinken, sondern rasch einen alkoholisierten Zustand zu erreichen und den Alltag hinter sich zu lassen. Risiko bedeute hier ein bewusstes Inkaufnehmen von Kontrollverlust, erklärte Mag. Wolfgang Schick, Landesjugendreferent Salzburg und Geschäftsführer des Vereins Akzente. Viele Jugendliche suchen Risiko im Sport, allerdings sei der "Kick" nur eine Motivation am Rande. Der Körper stehe als Symbol für Leistungsfähigkeit.

Prävention: Schaffen von Räumen und Angeboten für kontrolliertes Risiko

Eine nicht tolerierbare Grenzüberschreitung ist riskantes Verhalten im Straßenverkehr, das nicht nur die jungen Lenker, sondern auch andere Verkehrsteilnehmer in Lebensgefahr bringen kann. Laut Michael Habel, ARBÖ-Fahrsicherheitstrainer, hebt die Mehrphasenausbildung maßgeblich das Bewusstsein für die Folgen von riskantem Fahrverhalten. Bei den Fahrtrainings haben Jugendliche die Möglichkeit, unter kontrollierten Bedingungen ihr Fahrzeug auszutesten. Hier setzt ein wichtiger Punkt von Prävention an: das Schaffen von Räumen und Angeboten für kontrolliertes Risiko. Für die Präventionsarbeit entscheidend sei die Kommunikation mit Jugendlichen und das Verstehen ihrer Bedürfnisse - nicht nur an der Oberfläche, betonte Dr. Artur Schroers, Leiter des Instituts für Sucht- und Drogenkoordination Wien. Dabei könne die Veränderung des Verhaltens nicht das wichtigste Ziel sein, sondern vielmehr die Veränderung der Verhältnisse, d.h. die Stärkung der Persönlichkeit und die Unterstützung bei der Bewältigung von Entwicklungsaufgaben, erklärte Mag. Dorothea Stella-Kaiser, Psychologin und Psychotherapeutin beim Verein P.A.S.S. Es sei nicht notwendig, Jugendliche über Gefahren aufzuklären, denn Risiken werden bewusst eingegangen.

Erfolgreicher Präventionszugang: Peer-Education

Bei allen Referenten herrschte Einigkeit über die Methode der Wahl bei der Risiko-Prävention: Peer-Education. Dabei betreiben Gleichaltrige in Zusammenarbeit mit Fachleuten Prävention und begegnen Jugendlichen auf Augenhöhe. Ein Beispiel dafür sind junge Lenker, die einen Verkehrsunfall hatten und in Schulklassen von ihrer Erfahrung erzählen. Dies sei aber nicht nur für Jugendliche wichtig -neben den sogenannten Schüler-Peers müsse es auch Lehrer- und Eltern-Peers geben, betonte Stella-Kaiser. Oft fehle es laut Dipl. Päd. Jürgen Einwanger, Leiter der SPOT Jugendseminare beim Österreichischen Alpenverein, an Erwachsenen, die jungen Menschen Orientierung geben. Sie entziehen sich oft der Verantwortung, da sie selbst "jung bleiben" wollen und sich selbst nicht als Vorbild für Jugendliche wahrnehmen. "Riskantes Verhalten Jugendlicher kann jedenfalls nicht losgelöst von gesellschaftlichen Rahmenbedingungen gesehen werden", schließt Dr. Othmar Thann, Direktor des KfV.

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