WirtschaftsBlatt-Leitartikel: Es gibt zwei Klassen von Arbeitgebern - von Alexis Johann

Ohne Kraftakt wird sich wieder nichts bewegen

Wien (OTS) - Bei uns wird im Schnitt 41,6 Stunden pro Woche gearbeitet. Das ist einer der höchsten Werte der EU. Dennoch ist das zu wenig, wenn man den Jahresschnitt heranzieht. Österreich liegt mit 1600 Stunden hinter der europäischen Konkurrenz. Morgen gehen die Lohnverhandlungen weiter. Es gehört zum ritualisierten Verhalten, sich Leistungen abzuverlangen, die für die andere Seite tabu sind. Sowohl Arbeitgeber als auch Arbeitnehmer werden ihre wichtigsten Ziele daher erneut verfehlen.

Seit Jahren kämpfen die Arbeitnehmer um reale Lohnerhöhungen, die es schon lange nicht mehr gegeben hat. Warum sollte es gerade heuer anders sein? Auch das im vergangenen Jahr vorgebrachte Argument, für die guten Jahre rückwirkend Gratifikationen zu verteilen, zieht jetzt nicht. Die Unternehmen wollen endlich eine Flexibilisierung und eine Ausdehnung der Arbeitszeiten. Schließlich hat Österreich in den vergangenen zehn Jahren im Vergleich zum restlichen Europa bei der Arbeitsproduktivität kontinuierlich verloren. Was über den Zeitraum einer Woche nach viel Arbeit aussieht, ist über den Zeitraum eines Jahres, aufgrund ausgiebiger Feiertagsregelungen, wenig. Das Argument des Sozialministers, dass noch lange nicht alle Spielräume zu flexibler Produktionsgestaltung ausgenützt wurden, ist zutreffend. Aber eben nicht für alle Betriebe. Da gibt es welche, die die tägliche Höchstarbeitszeit auf zwölf Stunden pro Tag sowie 60 Stunden pro Woche ausdehnen müssen. Für die Arbeitnehmer ist dieser Abbau von gut bezahlten Überstunden in der Praxis jedoch ein Lohnverlust und kann daher nicht akzeptiert werden. Sie argumentieren, dass es in einigen Jahren einen Mangel an Facharbeitern geben wird. Die Arbeitgeber können mit den Schultern zucken, denn das, was sie jetzt herunterfahren, werden sie nie wieder in Österreich aufbauen. So sieht die jahrelang geübte Pattsituation aus.

Ohne Kraftakt wird sich also nichts bewegen. Tatsächlich müsste gerade jetzt die Chance genützt werden, Flexibilisierung durchzusetzen, weil sie für die Unternehmen gut ist, weil sie für den Standort gut ist und weil sie für den Erhalt der Arbeitsplätze gut ist. Die Frage ist: Was können Firmen auf Kollektivvertragsebene Mitarbeitern im Gegenzug bieten?

Es ist ein heikles Zugeständnis, das von beiden Seiten bisher nicht angerührt wurde: Mitbestimmung bei der Gewinnverwendung. Gewinn teilt aber die Masse der Arbeitgeber in zwei Klassen: Firmen, die Gewinne verteilen können, und Firmen, die keinen haben. Es macht daher keinen Sinn, weitere zehn Jahre alle Betriebe über einen Kamm zu scheren.

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