"Die Presse"-Leitartikel: Wir haben auch ein Österreicher-Problem, von Karl Gaulhofer

Ausgabe vom 16.10.2009

Wien (OTS) - Eine OECD-Studie lässt nur einen Schluss zu: Wir
geben den Migranten keine Chance, weil wir sie nicht mögen.

Ich gestehe, auch im Namen meiner Kollegen: Wir Journalisten schätzen keine dicken Studien. Da wälzen wir uns durch hunderte Seiten, sind am Ende "so klug als wie zuvor" und müssen unseren Lesern zum Frühstück erklären: einerseits, anderseits und eigentlich eh ganz anders.

Da müssen wir den Tüftlern der OECD richtig dankbar sein. Sie haben beim heiklen Thema Integration so lange statistische Daten gesammelt, gefiltert und verglichen, bis eine einfache und unangenehme Antwort übrig blieb: Wir Österreicher haben das Ausländerproblem, das wir verdienen.

Dabei hebt das Konvolut erwartbar an: Junge Leute mit Migrationshintergrund haben es auf dem Arbeitsmarkt schwerer als Inländer. Na bitte, sagt da der gelernte Österreicher, ist ja kein Wunder. Sie können nicht g'scheit Deutsch, sie sind resistent gegen die Segnungen des famosen Bildungssystems, also werden sie es zu nichts bringen.

Weitergeblättert, und noch ein bequemer Aha-Effekt: Nicht die Jungmigranten, die vor Kurzem nach Österreich gekommen sind, haben die größten Probleme, im Wirtschaftsleben Fuß zu fassen. Nein, ausgerechnet die bereits in Österreich geborenen Einwandererkinder haben die größten schulischen Defizite und tun sich später besonders schwer: Um 20 Prozentpunkte größer als bei Inländern ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie in ihren Zwanzigern einen Job brauchen und keinen finden. Was aber unterscheidet die zweite von der ersten Generation? Sie ist keine bunte Truppe aus aller Herren Ländern, sondern wird, mit 42 Prozent Anteil, von einer Nationalität dominiert: den Türken.

Ha, triumphiert da der gelernte Österreicher: Der Strache hat ja doch recht! "Wir haben kein Ausländer-, sondern ein Türkenproblem", hat der FP-Chef seine profunde Analyse des Themas subtil präzisiert. Sogleich entsteht vor dem geistigen Auge des paranoiden Alpenrepublikaners das düstere Bild einer Parallelgesellschaft: die Kinder anatolischer Ziegenhirten, eingeigelt in eine fremde Welt aus rabiater Religiosität, Kopftuchzwang und Ehrenmorden. Doch auch bei nüchternen Gemütern provozieren die Zahlen besorgtes Kopfschütteln:
Was für ein Heer von künftigen Arbeitslosen säugen wir da an unserer allzu großzügigen Brust?

Da aber, da hauen uns die fiesen Forscher in die Pfanne. Irrtum, erklären sie uns mit hinterlistigen Filtern und Quervergleichen:
Allein an einer traditionellen Bildungsferne der Sorgenkinder kann es nicht liegen. Denn auch unter türkischen Zuwanderern gibt es Facharbeiter, Gymnasiasten und Akademiker. Und wenn man gleich mit gleich vergleicht, bleibt der Unterschied signifikant hoch. Özgür und Ülkü können sich einen Doktorhut aufsetzen, kein Wort Türkisch sprechen und bekommen trotzdem keinen Job, weil man sie vor jedem Bewerbungsgespräch von der Liste der Kandidaten streicht - zu viele Ös und Üs in ihren Namen, daran muss es liegen.

Zynischerweise schließen die Arbeitgeber ganz schlecht qualifizierte Migrantensprösslinge lieber in ihre Arme: In dieser Gruppe ist die (Männer-)Beschäftigungsquote sogar höher als bei Inländern. Denn hier kann Özgür machen, was wir ihm zutrauen: stupide Arbeit, miserabel bezahlt. Damit fällt Österreich übel aus dem Rahmen. In den meisten OECD-Ländern gilt: Wer mehr kann, kann auch mehr werden. Und da wären noch unsere Nachbarn, die Schweizer. Sie haben vergleichbare Türken, und was machen sie mit ihnen? Sie bilden sie besser aus und bieten ihnen exakt dieselben Jobchancen wie eingeborenen Alphornbläsern. Gelungene Integrationspolitik heißt das wohl.

Ganz zu schweigen von den USA. Dort haben Einwanderer sogar die besseren Chancen zu reüssieren. Der amerikanische Traum steht allen offen, und wer aus der Ferne kommt, strengt sich besonders an. Warum zieht es noch immer so viele ins klassische Einwanderungsland, obwohl sie dort keinen behütenden Sozialstaat finden wie bei uns? Weil man ihnen ihre Visionen lässt. Weil sie dort Polizisten, Bürgermeister und Lehrer werden können. Und weil sie dort "Role-Models" finden, Vorbilder mit gleichen Wurzeln, die vor ihnen Erfolg hatten - weil man es ihnen zugetraut hat.

Gewiss, Europa hat eine andere Migrationsgeschichte. Sie hat mit einer industriellen Reservearmee, gespeist aus den Unterschichtgastarbeitern der Wirtschaftswunderzeit, begonnen. Und sicherlich, Integration ist auch eine Bringschuld, die wir lautstark einfordern müssen. Aber dies alles bedacht, bleibt vom "Ausländerproblem" ein bitterer Rest, und der betrifft uns Österreicher ganz allein: Der Rest ist Rassismus.

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