Respekt, Nachbarn!

"Kleine Zeitung" Kommentar: "Respekt, Nachbarn!" (von Hubert Patterer)

Graz (OTS) - Die Wahlen in Deutschland liefern in der Rückschau jede Menge Gründe, den Nachbarn Anerkennung und Achtung zu zollen. Das Land behält eine Frau als Kanzlerin. Ihr zur Seite steht als Vizekanzler ein Liberaler, der sich zu seiner gleichgeschlechtlichen Partnerschaft bekennt. Dass weder weibliche Regentschaft noch Homosexualität auch nur eine Sekunde lang ein Thema war, weder unterschwellig noch an der Oberfläche, zeugt von einer Aufgeschlossenheit, die in dieser Selbstverständlichkeit in Österreich kein Abbild fände.

Darüber hinaus muss man aus einschlägiger hiesiger Erfahrung würdigen, dass die Ausländer-Frage im deutschen Wahlkampf nie in den Morast der Agitation gezerrt wurde. Dies ist umso erstaunlicher, als der Immigranten-Anteil in deutschen Städten viel höher ist als hierzulande. Mit den Gefühlen der Menschen ist dennoch nicht gespielt worden. Die politische Kultur ist weiter entwickelt und lange nicht so defizitär wie in Österreich. Ähnliches gilt für die Streitkultur. Es ist beeindruckend, auf welchem Diskurs-Niveau Debatten in deutschen Talk-Formaten ablaufen. Dagegen ist das flache Gekläffe hierzulande von ausgesuchter Trostlosigkeit.

Am meisten hat an dieser deutschen Wahl freilich überrascht, wie mühelos hier ein Machtwechsel, Pendelschlag einer vitalen Demokratie, vonstatten ging. Ohne Verwerfungen, ohne, dass sich Gräben in der Gesellschaft aufgetan hätten, haben die Wähler nach vier Jahren die große Koalition verabschiedet und ein Bündnis aus Konservativen und Liberalen an ihre Stelle gesetzt. Es war ein bewusster, autarker, gegen eine antikapitalistische Grundströmung gesetzter Willensakt. Am Zenit der Krise und des neoliberalen Knockouts machten die Wähler einen forschen Liberalen zum Sieger und Mitregenten, der zum unpopulärsten Zeitpunkt für mehr Markt und Eigenständigkeit des Einzelnen eintrat. Die Wähler, die im Gegensatz zur hiesigen Unsitte des Tarnens und Täuschens wussten, was mit ihrer Stimme geschieht, ließen sich von der Angst-Kampagne der Linken nicht beirren. Diese Resistenz darf man souverän nennen.

Der Triumph der FDP macht schmerzhaft bewusst, wie sehr uns eine wirtschaftsliberale Partei ähnlichen Zuschnitts fehlt; eine, die den Radau und das Gift nicht als Humus braucht. Der sympathische, besonnene Josef Bucher will es wagen. Ein Blick in die Partei hinein weckt wenig Zuversicht. Das wird eine heikle Dialyse. Dennoch verdient sein Zivilisierungs-Projekt Zuspruch - nicht den Orangen, sondern der Demokratie und ihren Spielräumen zuliebe. Das Pendel schlägt nicht mehr. Wir sind wieder dort.****

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