Europäischer Kolping-Kongress in Bratislava: "Freiheit verpflichtet"

Bischof Duka und der frühere tschechische Innenminster Ruml legten die Verantwortung von Christen in der Politik dar - "Wir haben es noch nicht geschafft, die katholische Soziallehre in das politische Leben einzubringen".

Preßburg, 03.10.2009 (KAP) Im Zeichen der Zukunft Europas 20 Jahre nach der "samtenen Revolution" stand am Wochenende ein Kongress des Europäischen Kolpingwerks in Preßburg (Bratislava). 220 Delegierte des katholischen Verbandes aus 19 europäischen Ländern versammelten sich ab Freitag im Alten Parlament der slowakischen Hauptstadt. Unter dem Kongress-Motto "Freiheit verpflichtet - Zukunft verantwortlich gestalten" diskutierten sie in Workshops u.a. über die 20 Jahre seit dem Fall des Eisernen Vorhangs, die Rolle der Familie vor und nach 1989, die sich ändernde soziale Situation in Europa sowie Chancen und Gefahren der Globalisierung.

Der tschechische Bischof Dominik Duka (Königgrätz/Hradec Kralove) und der frühere tschechische Inneminister Jan Ruml sprachen am Samstag über die Verantwortung von Christen in der Politik. Duka verwies darauf, dass sich in der Tschechischen Republik die Christen derzeit zu stark auf einzelne Gesetze konzentrieren, die der Kirche Nachteile bringen könnten. Wichtiger sei der allgemeinen politische Diskurs um gesellschaftliche Themen, in dem die Kirche aber zu wenig Präsenz zeige, so Duka: "Wir haben es noch nicht geschafft, die katholische Soziallehre in das politische Leben einzubringen".

Der Bischof skizzierte den historischen Wandel im Verhältnis von Kirche und Politik und rief dazu auf, alte Zeiten mit einer engeren Verbindung dieser beiden Bereiche nicht zu idealisieren. Die Kirche dürfe in ihrem Engagement in politischen Fragen nicht auf politische Nostalgie setzen. Es müsse heute darum gehen, für die Kirche eine tragfähige Rolle in einer pluralen Gesellschaft aufzubauen.

Gleichzeitig warnte Bischof Duka vor einer Unterdrückung der Religion. Die Geschichte habe die furchtbaren Konsequenzen eines solchen Handelns gezeigt. In diesem Zusammenhang schmerze es ihn auch, so Duka, dass die Kirche gegenüber totalitären Regimen nicht immer eine klare Haltung gefunden habe.

Das Christentum sei im Stande, einen wichtigen Beitrag zum Zusammenhalt der Menschheit zu leisten - auch und gerade in einer säkularen Gesellschaft. Duka: "Den ersten Schritt zu einer säkularen Gesellschaft hat Jesus mit seinem bis zur Hingabe des eigenen Leben reichenden Einsatz unter dem Motto 'für Euch' getan. Toleranz, Nächstenliebe und die Achtung des Anderen ist die Botschaft des Evangeliums".

Jan Ruml meinte, dass sich Christen in ihrem Verhältnis zur Politik genauso verhalten würden wie Atheisten. "Ihr einziger Vorteil ist, dass sie als Christen den Glauben an Gott und die Erlösung haben", so Ruml. Christen verfügten daher über die Fähigkeit, langfristiger zu denken. "Freiheit ist nicht möglich ohne Verantwortung und Politik ist nicht möglich ohne Moral", stellte Ruml fest, der einer der Unterzeichner der "Charta 77" war. Christen könnten Toleranz und den Respekt vor dem Anderen vorleben.

"Wir haben 20 Jahre verloren", machte Ruml auf die fehlende gemeinsame Wertebasis in manchen der Reformstaaten aufmerksam. Den Menschen gehe es zwar materiell besser, die Verantwortung füreinander sei aber auf der Strecke geblieben. Ruml: "Die Freiheit ist schwieriger als gedacht. Ihr Geheimnis offenbart sich in der Bereitschaft zum Opfer und zum Bekenntnis zu moralischen Einstellungen, die man nicht einfach voraussetzen kann".

Sowohl Bischof Duka als auch Druml wiesen daraufhin, dass 20 Jahre nach dem Fall des Eisernen Vorhangs weiterhin eine Trennlinie zwischen West- und Osteuropa bestehe. "Geistig gesehen, ist die Grenze geblieben", sagte Duka.

Sozialfaktor Arbeit

In einer weiterer Arbeitsgruppe analysierte Markus Demele vom Frankfurter "Oswald von Nell-Breuning Institut für Wirtschafts- und Gesellschaftsethik" die Auswirkungen der Globalisierung auf die Arbeitswelt. Dabei übte er Kritik an der "angebotsfixierten Wirtschaftspolitik in Europa", die zulasten der Arbeitnehmer gehe. Demele: "Die Entwicklung weg vom sogenannten Normalarbeitsverhältnis zeigt, dass die gegenwärtigen Bemühungen, durch 'Flexicurity' ein Jobwunder zu erreichen, eine starke Schlagseite zum einseitigen Abbau von Arbeitnehmerrechten aufweisen". Auch wenn die wirtschaftsliberale Theorie das glauben machen wolle, bedeute eine Schwächung der Arbeitnehmerrechte nicht, dass mehr Menschen Arbeit finden, argumentierte Demele. Zudem sei mittlerweile die früher nur aus den USA bekannte Klasse der "working poor" - also von Menschen, die unter der Armutsgrenze leben, obwohl sie Arbeit haben - auch in Europa eine feste Größe.

Am Sonntag wird der Generalsekretär des Internationalen Kolpingwerks, Hubert Tintelott, zum Abschluss des Kongresses die "Erklärung von Bratislava" des Europäischen Kolpingwerkes präsentieren. Zuvor feiert der Erzbischof der slowakischebn Hauptstadt, Stanislav Zvolensky, um 9 Uhr mit den Delegierten einen Gottesdienst im Preßburger Martinsdom.

(forts mgl)
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