Dem Geist auf der Spur: Hohe Auszeichnungen für Johnston und Schuh

Wien (OTS) - Gepaarte Geistesschärfe, garniert mit Anekdoten über ein "gespenstisches Wien" gab es am Freitag im Wappensaal des Wiener Rathauses bei der Ehrung für den US-Historiker William M. Johnston und den Essayisten und Kritiker Franz Schuh anzutreffen. Der eine, Johnston, schuf in den frühen siebziger Jahren mit seiner Studie "The Austrian Mind" (1972), in der es um die Geistesgeschichte Österreichs von 1848 bis 1918 geht, nicht nur einen Historiker-Bestseller, sondern setzte zugleich einen Erinnerungsprozess an den "unentdeckten Kontinent" - so Friedrich Heer in seinem Vorwort der bei Böhlau 1974 erschienen Übersetzung - in Gang; der andere - laut Laudator Hubert Christian Ehalt ein "Neffe Diderots, nur etwas groß geraten" -begleitet die geistigen Tief- und Höhenflüge der Republik seit vielen Jahren mithilfe des Kommentars, des Essays, der Kritik. Für beide Intellektuelle gab es hierfür Goldene Ehrenzeichen für Verdienste um das Land Wien, welche Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny mit offensichtlichen Vergnügen überreichte.

"Die einzige Art wie sich ein kleines Land profilieren kann, ist durch Intelligenz": Mit diesem Zitat des ehemaligen Wiener US-Botschafters Henry Grunwald unterstrich Mailath-Pokorny die ungebrochene Notwendigkeit, mittels Nachdenken Aufschluss über den Zustand der Gesellschaft zu erhalten. "Zumindest vorläufig", ergänzte Ehalt in seiner Laudatio für die beiden Geehrten, der das "In-Schwebe-halten" als Qualitätsmerkmal anspruchsvollen Denkens hervorhob.

Johnston erinnerte in seiner Dankesrede an seinen ersten Studienaufenthalt in Wien im Jahr 1967, als er sich mit mehreren Intellektuellen traf, darunter auch mit Friedrich Heer, der damals als Dramaturg im Burgtheater sein Büro hatte. "Es war eine düstere Atmosphäre", erinnerte sich der 73jährige Universitätsgelehrte, als er Heer sein Forschungsprojekt erläuterte. Heer, der sich zuerst skeptisch gegenüber der Idee Johnstons äußerte, meinte, dass es in Wien "nahezu gespenstisch sei, wie sehr sich die Wienerinnen und Wiener nicht mehr an das große geistige Erbe der Vergangenheit erinnern würden." Für Johnston, der auch an die inspirierend-offene Wirkung von Ernst Fischer erinnerte, habe vor allem Wien in den letzten Jahrzehnten sehr viel dazu beigetragen, dass die besagten "Gespenster" heute nicht mehr anzutreffen seien. Für Schuh gab es ein ähnliches Bonmot von Ehalt: "Von (Anton) Kuh zu (Franz) Schuh müsse die Geistesspanne gelegt werden. Gebe es diese nicht, müsste man das Land verlassen."

Daten zu William M. Johnston

Johnston wurde 1936 geboren. Im Jahr 1965 promovierte er in Harvard. Johnston war bis zu seiner Emeritierung im Dezember 1999 Professor an der University of Massachusetts. Er gilt als Spezialist für die Europäische Geistesgeschichte. Sein Hauptwerk "The Austrian Mind: An Intellectual and Social History, 1848-1938" (1972), das mit dem "Austrian History Award" ausgezeichnet wurde, erschien 1974 unter dem Titel "Österreichische Kultur- und Geistesgeschichte. Gesellschaft und Ideen im Donauraum 1948 bis 1938" in deutscher Übersetzung. 2008 hielt Johnston im Rahmen der Wiener Vorlesungen den Vortrag "Der österreichische Mensch. Lebenswelten und Diskurse". Zu seinen weiteren Werken zählen unter anderem "In Search of Italy:
Foreign Writers in Northern Italy (1987). Aktuell erscheint dieser Tage Johnstons neuestes Werk "Der österreichische Mensch. Kulturgeschichte der Eigenart Österreichs" im Böhlau Verlag (www.boehlau.at).

Daten zu Franz Schuh

Franz Schuh wurde am 15. März 1947 in Wien geboren. Er studierte Philosophie, Geschichte und Germanistik und promovierte 1975 mit einer Dissertation über "Hegel und die Logik der Praxis". Von 1976 und 1980 war Schuh Generalsekretär der Grazer Autorenversammlung, ab 1980 dann Redakteur der Literaturzeitschrift "Wespennest". Zu Beginn der 90er Jahre verantwortete Schuh ein von der Wiener Stadtzeitung "Falter" in Zusammenarbeit mit dem Verlag Deuticke konzipiertes Buchprogramm ("Edition Falter bei Deuticke"). Wegen grundlegender Meinungsverschiedenheiten über verlagspolitische Entscheidungen endete diese Kooperation im Oktober 1996. Derzeit lebt Schuh als freier Schriftsteller in Wien. Er ist darüber hinaus auch als freier Mitarbeiter bei diversen Rundfunkanstalten tätig. Bekannt geworden ist er einem größeren Publikum ab den 80er Jahren als Literaturkritiker für "profil" und "Falter", sowie aktuell als Kolumnist für die Hamburger Wochenzeitung "Die Zeit", die ihn kürzlich eine "freundliche Denkmaschine" nannte. Darüber hinaus ist Schuh Lehrbeauftragter an der Hochschule für angewandte Kunst in Wien, davor gab es Lehrtätigkeiten an den Universitäten Klagenfurt und Graz. Schuh schreibt seit mehr als zwei Jahrzehnten pointierte Essays. 1995 erschien sein Roman "Der Stadtrat. Eine Idylle". Sein vielleicht größter Bucherfolg war der Prosaband "Schwere Vorwürfe, schmutzige Wäsche" (2006), dem die Publizistin Eva Menasse nachsagt, sein "wahres" Hauptwerk zu sein. Jüngst wurde der bekannte Essayist auch mit dem erstmals vergebenen "Tractatus" des Philosophicum Lech, der mit 25.000 Euro dotiert ist, geehrt. (Schluss) hch/

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