- 02.10.2009, 13:44:05
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Dem Geist auf der Spur: Hohe Auszeichnungen für Johnston und Schuh
Wien (OTS) - Gepaarte Geistesschärfe, garniert mit Anekdoten über
ein "gespenstisches Wien" gab es am Freitag im Wappensaal des Wiener
Rathauses bei der Ehrung für den US-Historiker William M. Johnston
und den Essayisten und Kritiker Franz Schuh anzutreffen. Der eine,
Johnston, schuf in den frühen siebziger Jahren mit seiner Studie "The
Austrian Mind" (1972), in der es um die Geistesgeschichte Österreichs
von 1848 bis 1918 geht, nicht nur einen Historiker-Bestseller,
sondern setzte zugleich einen Erinnerungsprozess an den "unentdeckten
Kontinent" - so Friedrich Heer in seinem Vorwort der bei Böhlau 1974
erschienen Übersetzung - in Gang; der andere - laut Laudator Hubert
Christian Ehalt ein "Neffe Diderots, nur etwas groß geraten" -
begleitet die geistigen Tief- und Höhenflüge der Republik seit vielen
Jahren mithilfe des Kommentars, des Essays, der Kritik. Für beide
Intellektuelle gab es hierfür Goldene Ehrenzeichen für Verdienste um
das Land Wien, welche Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny mit
offensichtlichen Vergnügen überreichte.
"Die einzige Art wie sich ein kleines Land profilieren kann, ist
durch Intelligenz": Mit diesem Zitat des ehemaligen Wiener
US-Botschafters Henry Grunwald unterstrich Mailath-Pokorny die
ungebrochene Notwendigkeit, mittels Nachdenken Aufschluss über den
Zustand der Gesellschaft zu erhalten. "Zumindest vorläufig", ergänzte
Ehalt in seiner Laudatio für die beiden Geehrten, der das
"In-Schwebe-halten" als Qualitätsmerkmal anspruchsvollen Denkens
hervorhob.
Johnston erinnerte in seiner Dankesrede an seinen ersten
Studienaufenthalt in Wien im Jahr 1967, als er sich mit mehreren
Intellektuellen traf, darunter auch mit Friedrich Heer, der damals
als Dramaturg im Burgtheater sein Büro hatte. "Es war eine düstere
Atmosphäre", erinnerte sich der 73jährige Universitätsgelehrte, als
er Heer sein Forschungsprojekt erläuterte. Heer, der sich zuerst
skeptisch gegenüber der Idee Johnstons äußerte, meinte, dass es in
Wien "nahezu gespenstisch sei, wie sehr sich die Wienerinnen und
Wiener nicht mehr an das große geistige Erbe der Vergangenheit
erinnern würden." Für Johnston, der auch an die inspirierend-offene
Wirkung von Ernst Fischer erinnerte, habe vor allem Wien in den
letzten Jahrzehnten sehr viel dazu beigetragen, dass die besagten
"Gespenster" heute nicht mehr anzutreffen seien. Für Schuh gab es ein
ähnliches Bonmot von Ehalt: "Von (Anton) Kuh zu (Franz) Schuh müsse
die Geistesspanne gelegt werden. Gebe es diese nicht, müsste man das
Land verlassen."
Daten zu William M. Johnston
Johnston wurde 1936 geboren. Im Jahr 1965 promovierte er in
Harvard. Johnston war bis zu seiner Emeritierung im Dezember 1999
Professor an der University of Massachusetts. Er gilt als Spezialist
für die Europäische Geistesgeschichte. Sein Hauptwerk "The Austrian
Mind: An Intellectual and Social History, 1848-1938" (1972), das mit
dem "Austrian History Award" ausgezeichnet wurde, erschien 1974 unter
dem Titel "Österreichische Kultur- und Geistesgeschichte.
Gesellschaft und Ideen im Donauraum 1948 bis 1938" in deutscher
Übersetzung. 2008 hielt Johnston im Rahmen der Wiener Vorlesungen den
Vortrag "Der österreichische Mensch. Lebenswelten und Diskurse". Zu
seinen weiteren Werken zählen unter anderem "In Search of Italy:
Foreign Writers in Northern Italy (1987). Aktuell erscheint dieser
Tage Johnstons neuestes Werk "Der österreichische Mensch.
Kulturgeschichte der Eigenart Österreichs" im Böhlau Verlag
(www.boehlau.at).
Daten zu Franz Schuh
Franz Schuh wurde am 15. März 1947 in Wien geboren. Er studierte
Philosophie, Geschichte und Germanistik und promovierte 1975 mit
einer Dissertation über "Hegel und die Logik der Praxis". Von 1976
und 1980 war Schuh Generalsekretär der Grazer Autorenversammlung, ab
1980 dann Redakteur der Literaturzeitschrift "Wespennest". Zu Beginn
der 90er Jahre verantwortete Schuh ein von der Wiener Stadtzeitung
"Falter" in Zusammenarbeit mit dem Verlag Deuticke konzipiertes
Buchprogramm ("Edition Falter bei Deuticke"). Wegen grundlegender
Meinungsverschiedenheiten über verlagspolitische Entscheidungen
endete diese Kooperation im Oktober 1996. Derzeit lebt Schuh als
freier Schriftsteller in Wien. Er ist darüber hinaus auch als freier
Mitarbeiter bei diversen Rundfunkanstalten tätig. Bekannt geworden
ist er einem größeren Publikum ab den 80er Jahren als
Literaturkritiker für "profil" und "Falter", sowie aktuell als
Kolumnist für die Hamburger Wochenzeitung "Die Zeit", die ihn
kürzlich eine "freundliche Denkmaschine" nannte. Darüber hinaus ist
Schuh Lehrbeauftragter an der Hochschule für angewandte Kunst in
Wien, davor gab es Lehrtätigkeiten an den Universitäten Klagenfurt
und Graz. Schuh schreibt seit mehr als zwei Jahrzehnten pointierte
Essays. 1995 erschien sein Roman "Der Stadtrat. Eine Idylle". Sein
vielleicht größter Bucherfolg war der Prosaband "Schwere Vorwürfe,
schmutzige Wäsche" (2006), dem die Publizistin Eva Menasse nachsagt,
sein "wahres" Hauptwerk zu sein. Jüngst wurde der bekannte Essayist
auch mit dem erstmals vergebenen "Tractatus" des Philosophicum Lech,
der mit 25.000 Euro dotiert ist, geehrt. (Schluss) hch/
Achtung: Zu dieser Meldung ist demnächst eine
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