Abschied von Franz Olah im Wiener Stephansdom

Weihbischof Krätzl würdigt Einsatz des früheren SPÖ-Politikers für die Annäherung zwischen Kirche und Arbeiterschaft

Wien, 25.09.2009 (KAP) Das historische Verdienst Franz Olahs für die Annäherung zwischen Kirche und Arbeiterschaft in der Zweiten Republik hat der Wiener Weihbischof Helmut Krätzl am Freitag beim Requiem für den einstigen ÖGB-Präsidenten und Innenminister im Wiener Stephansdom hervor gehoben. Olah habe erkannt, dass die Zusammenarbeit mit der Kirche zum Vorteil des Landes, vor allem auch der arbeitenden Menschen sei, sagte Krätzl: "Er, der sonst sogar polarisierte, hatte auch einen Hang zu Versöhnung". In Kardinal Franz König habe der SPÖ-Politiker den geeigneten Partner zur Überwindung der einstigen Feindschaft gefunden.

Olah war am 4. September im Alter von 99 Jahren verstorben. Unter den zahlreichen Trauergästen beim Requiem, das Weihbischof Krätzl stellvertretend für Kardinal Christoph Schönborn leitete, waren u.a. Bundeskanzler Werner Faymann, der Wiener Bürgermeister Michael Häupl, Ex-Finanzminister Hannes Androsch und ÖVP-Klubobmann Karlheinz Kopf.

In seiner Predigt erinnerte Weihbischof Krätzl an den Beginn der Gespräche zwischen der Kirche und der SPÖ. Am 28. März 1957 sei Olah "zu nächtlicher Stunde" mit dem designierten SPÖ-Parteivorsitzenden Bruno Pittermann, dem späteren Wiener Bürgermeister Felix Slavik und Justizminister Otto Tschadek zum wenige Monate zuvor neu ernannten Wiener Erzbischof Franz König gekommen, um die Haltung der Kirche zur bevorstehenden Bundespräsidentenwahl auszuloten. Krätzl: "Damals haben jene Gespräche begonnen, die zur längst notwendigen Aussöhnung der Kirche mit den Arbeitern führte".

Olah habe den Widerstand in der SPÖ gegen die Anerkennung des Konkordats von 1933 gebrochen, betonte Weihbischof Krätzl. Er habe aber auch mit seiner erstmaligen Einladung von Kirchenvertretern zum ÖGB-Kongress 1959 die Weichen für die epochale Rede Kardinal Königs vor dem ÖGB-Bundesvorstand 1973 gestellt.

"Er war bekennender Katholik und ist nie aus der Kirche ausgetreten", erinnerte Krätzl. Den Kampf der Sozialisten gegen die katholische Kirche habe Olah nie gebilligt. Den schwindenden gesellschaftspolitischen Einfluss der Kirche im Zug der Emeritierung von Kardinal König 1985 und der nachfolgenden "Turbulenzen" habe Olah als Realpolitiker zutiefst bedauert.

Die Kirche habe dem SPÖ-Politiker vertraut, so Krätzl, und dies u.a. durch Privataudienzen für Olah bei den Päpsten Johannes XXIII. und Paul VI. zum Ausdruck gebracht. Von Paul VI. wurde Olah 1965 in Castel Gandolfo empfangen - als er bereits aus der SPÖ und dem ÖGB ausgeschlossen und damit eine politische "Unperson" war.

Am Sarg von Franz Olah würden "fast 100 Jahre österreichischer Geschichte gegenwärtig", sagte Krätzl: "Der Ständestaat mit seiner tiefen Kluft zwischen Arbeiterschaft und einer auch politisch regierenden Kirche; die Nazizeit mit Konzentrationslagern, in denen aber auch politische Gegner zusammengefunden haben; der Wiederaufbau und die wachsende Sozialpartnerschaft". In all dieser Zeit sei Olah "politisch höchst engagiert, verfolgt und ohnmächtig, aber auch sehr mächtig gewesen", erinnerte der Wiener Weihbischof an die bewegte politische Laufbahn Olahs, der "einen steilen Aufstieg und einen radikalen Absturz" erlebt habe.

(forts. mgl.)
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