"Tiroler Tageszeitung" Kommentar: "Akute Nostalgie" (Von Irene Heisz)

Ausgabe vom 18. September 2009

Innsbruck (OTS) - Eine in der Vergangenheit verhaftete Tirolität ist die offiziell erwünschte.

Am Sonntag werden rund 25.000 Schützen und andere Mitglieder so genannter Traditionsvereine das gleiche malerische Schauspiel bieten wie deren Vorgänger 1984, die das gleiche Spektakel lieferten wie deren Vorgänger 1959, die das gleiche... Der Sinn einer Selbstbespiegelung ist Selbstbespiegelung. Und Traditionsvereine sind dazu da, Traditionen zu pflegen. Dagegen ist nichts einzuwenden, wie auch das Sammeln von Bierdeckeln oder das Züchten von Orchideen zulässig ist - im Sinne der Begeisterung für ein Hobby. Der Landesfestumzug als programmierter Höhepunkt des 1809-Gedenkjahres aber erklärt die in der Vergangenheit verhaftete Tirolität, die Traditionsvereine verkörpern, zur offiziell erwünschten. Alle anderen Initiativen und Veranstaltungen, die eine Auseinandersetzung mit unserer Geschichte zum Anlass nehmen, sich um Gegenwärtiges zu kümmern und Zukünftiges ins Auge zu fassen, verkommen zu Nebengeräuschen, die von Böllern, Gewehrsalven und mitreißender Marschmusik übertönt werden. Der Befund "akute Nostalgie" genügt jedoch nicht als Legitimation für ein 1,5 Mio. Euro teures Folklore-spektakel. Die Schützen beharren auf ihrer Rolle als politischer und gesellschaftlicher Faktor. Darin sind sich die Tiroler und die Südtiroler einig. Während die einen den selbst gewählten Auftrag zum Schutz der Heimat aber zumindest offiziell und tendenziell in Richtung eines sozialen Engagements interpretieren, beharren die anderen darauf, die Brennergrenze zum Inhalt und Thema des Umzugs zu machen. Was als Demonstration der "geistigen Landeseinheit" angelegt war, hat sich im Laufe der teils hasserfüllten, teils italophoben und teils bloß kleinkarierten Debatten allerdings ins Gegenteil verkehrt. Man kann das mit durchaus bitterer Ironie festhalten: So deutlich war nie, dass wir es dies-und jenseits des Brenners mittlerweile mit zwei verschiedenen Ausprägungen einer gemeinsamen Kulturgeschichte zu tun haben.

Rückfragen & Kontakt:

Tiroler Tageszeitung, Chefredaktion, Tel.: 05 04 03 DW 610

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PTT0001