"KURIER"-Kommentar von Gert Korentschnig: "Nicht nur Heinzl und seine Männchen"

Den Sehern geht es ums Programm. Dem ORF sollte es um noch mehr gehen.

Wien (OTS) - Jetzt war also Dominic Heinzl tatsächlich Thema bei einer "Club2"-Diskussion und bei einer parlamentarischen Enquete. Die Fragen lauteten: Darf der ORF stolz darauf sein, den High-Society-Experten vom Privatfernsehen engagiert zu haben? Und:
Passt jemand, zu dessen Klientel die Mausis und Bambis zählen, tatsächlich zum öffentlich-rechtlichen Sender? Die Antwort ist eindeutig und simpel: selbstverständlich.
Der ORF hat ja mit Heinzl nicht den oft peinlichen Baumeister verpflichtet, sondern denjenigen, der sich über diesen lustig macht. Gesellschaftsberichte sind - das kann man gut oder symptomatisch für medialen Untergang finden - Teil des Unterhaltungsprogramms. Es kommt nur darauf an, wie man sie betreibt.
Qualität kann überall im Fernsehen auftauchen. Und es zählt zu den größten Dummheiten, sie ständig gegen Quote ausspielen zu wollen. Ein gut gemachtes Programm vereint beides. In allen Bereichen. Traurig ist nur, wenn Heinzl das einzige Offensiv-Signal ist, während das ORF-Orchester in seiner Existenz bedroht bleibt.
Bei der aktuellen Diskussion geht es aber um viel mehr als um die Heinzls und seine Männchen. Es geht um das Überleben des ORF in seiner momentanen Form. Das ist, laut ORF, nur möglich, wenn ein großer Teil der Gelder, die dem Sender durch die Gebührenbefreiung entgehen, vom Staat refundiert werden. Der ORF hätte gerne alle 60 Millionen Euro. Wahrscheinlich werden es um die 30 werden.
Nun wird niemand etwas gegen eine angemessene finanzielle Absicherung des ORF haben. Und seine grundsätzliche Notwendigkeit infrage zu stellen, ist absurd. Nur: Kommen uns die Argumente, die man hört, nicht bekannt vor? Es gehe um Qualität, um die Erfüllung des öffentlich-rechtlichen Auftrages. Und natürlich werden große Teile der Gelder in österreichische Programme und in die Filmwirtschaft fließen.
Fast identisch wurde zuletzt begründet, dass der ORF seine Gebühren erhöhen müsse. Und dieselben Argumente werden wir hören, wenn es den nächsten Anlauf für eine größere finanzielle Unterstützung gibt.
Man wird das Gefühl nicht los, dass immer dann der Steuerzahler herhalten muss, wenn Strukturreformen nicht greifen oder scheitern. Jetzt hat ORF-Chef Wrabetz nicht nur die Chance, sondern auch die Pflicht, den Sender fit für die Zukunft zu machen. Redimensioniert auf das nötige personelle Maß, öffentlich-rechtlich positioniert in beiden Kanälen (immerhin ist der gesetzliche Auftrag nicht teilbar), mit hochqualitativer Information, Kultur, aber auch Unterhaltung. Im Kern ist die Programmdiskussion eine Strukturdiskussion. Und das Stopfen finanzieller Löcher ist dann sinnvoll, wenn es weitreichende Maßnahmen nach sich zieht.
Es ist jedenfalls schön, dass man über den ORF noch streiten kann. Hoffentlich hat Michael Haneke, dessen grandioser Film "Das weiße Band" nächste Woche im Kino anläuft, in einem Punkt nicht recht. Haneke glaubt nämlich, dass Fernsehen in 15 Jahren tot ist.

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