Wiener Zeitung: Unterbergers Tagebuch: "Die armen Pensionisten"

Ausgabe vom 17. August 2009

Wien (OTS) - Die Pensionisten - oder zumindest deren Verbände -fühlen sich verfolgt. Hatten sie bei ihrem Widerstand gegen schwarz-blaue Pensionsreformen noch die Raiffeisen-Medien hinter sich, ist es jetzt beim Kampf um die Inflationsabgeltung ganz anders. Lassen wir dahingestellt, ob das mit der Haltung des Raiffeisen-Chefs zum jeweiligen ÖVP-Obmann zusammenhängt. Viel spannender ist die Frage: Wie legitim sind die Pensionisten-Proteste?

Wird da nur aus purem Funktionärsegoismus die große wahlentscheidende Masse der Pensionisten zur Drohmasse gemacht? Motto: "Hinter uns die Sintflut! Uns egal, wenn die Pensionen nur mit Schulden finanziert werden können! Die treffen eh nur die nächste Generation."

Immerhin sind fast alle Pensionen weit höher, als sie es bei versicherungsmathematischer Bewertung der einstigen Einzahlungen wären. Dieses Argument ist gravierender als die Funktionärs-Phrase:
"Wir haben ja ein Umlageverfahren und einen Generationenvertrag". Besonders ungerecht ist, dass in den letzten Jahren vor allem jene Pensionisten, die absolut wie relativ besonders wenig eingezahlt haben, prozentuell die höchsten Erhöhungen bekommen haben. Sogar mehr als die Aktiven.

Man muss aber auch das Wehrlosigkeits-Gefühl der Pensionisten verstehen: Wenn das Geld knapp wird, können sie keine Überstunden mehr machen oder den Job wechseln, sondern sind total von der Rente abhängig. Sie sind hilflos, wenn die Spielregeln, die bei Pensionsantritt gegolten haben, später geändert werden. Etwa durch Nichtabgeltung der Inflation oder als Folge der Schuldenpolitik. Angesichts dieser verständlichen Schutzbedürftigkeit der Pensionisten ist das Verhalten mancher ihrer Vertreter umso absurder: Denn gerade zum Schutz der Pensionsbezieher wäre es klug, den anschwellenden Zustrom von Berufstätigen ins frühzeitige Ausgedinge zu bremsen. Für diesen Zustrom haben sich zuletzt ja wieder neue Wege aufgetan:
erstens das von populistischen Politikern geschaffene, aber total unberechtigte Hackler-Privileg (das fast nur von Schreibtisch-Menschen konsumiert wird); und zweitens die dank williger Ärzte steigende Zunahme angeblicher Invalidität.

Würde etwa der lautstarke Karl Blecha gegen und nicht für diesen doppelten Missbrauch kämpfen, wäre sein Einsatz für die Wertsicherung der Pensionen viel glaubwürdiger.

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