"Die Presse" - Leitartikel: Zu leidenschaftslos für den Partnerwechsel?, von Eva Male

Ausgabe vom 15.09.2009

Wien (OTS) - Das Duell Merkel - Steinmeier brachte kaum Klärung. Der Vorwurf der Langeweile ist aber unberechtigt.

Yes, we gähn", titelte gestern die "Bild"-Zeitung und traf damit die Stimmung - nicht nur des Fernsehduells zwischen der deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und ihrem SPD-Herausforderer Frank-Walter Steinmeier, sondern des gesamten Wahlkampfes - ziemlich genau. Die Bevölkerung Deutschlands langweilt sich, die Journalisten verzweifeln, weil sie nichts Spannendes zu berichten haben. Und in den kommenden zwölf Tagen sind vermutlich auch keine Sensationen mehr zu erwarten.
Vergeblich warten Wahlvolk und Medien darauf, dass sich die Hauptkontrahenten endlich in die Haare kriegen. Nicht einmal vier Moderatoren schafften es Sonntagabend mit vereinten Kräften, Merkel und Steinmeier aus der Reserve zu locken beziehungsweise aufeinanderzuhetzen. Haften bleibt das Bild eines "alten", gut eingespielten Ehepaares, das, bei aller Lust auf einen Partnerwechsel, möglicherweise auch nach dem 27. September, dem Tag der Bundestagswahl, zusammenbleibt.
Keine Toten, keine Verletzten, keine Blessuren. Auf der Bühne wäre das glatt durchgefallen, nörgelte danach der Theatermann Claus Peymann. Aber der Wahlkampf findet nun einmal nicht im Berliner Ensemble statt, das politische Theater hat naturgemäß geringeren Unterhaltungswert. Der von allen wiedergekäute Vorwurf der Langeweile basiert daher auf falschen Erwartungen.
Merkel und Steinmeier treten so auf, gehen so miteinander um, wie es eben der Gemengelage entspricht. Vier Jahre haben sie nun miteinander in einer Großen Koalition regiert, und das gar nicht so schlecht. Wie absurd würde es anmuten, wenn sie plötzlich wie Kampfhähne persönlich aufeinander losgingen? Dies zu vermeiden, ist bei beiden klares politisches Kalkül.

Im Prinzip war auch das Fernsehduell stimmig. Da wurde ernsthaft über die drängendsten Probleme diskutiert, aber nicht scharf geschossen. Dass Knalleffekte ausgeblieben sind, ist nicht weiter verwunderlich. Nicht bloß, weil Union und SPD die gemeinsame Regierungsarbeit der vergangenen Jahre schwerlich heruntermachen können, sondern auch, weil sie inhaltlich in den meisten Fragen de facto gar nicht so weit auseinanderliegen. In der Krise mussten sich alle nach links bewegen. Die Kanzlerin ist von ihren Reformvorhaben seit 2005 stark abgerückt, die CDU in die Mitte. Großen Unterhaltungswert hat der Wahlkampf nicht, zugegeben. Ihn als inhaltsleer zu bezeichnen wäre jedoch nicht fair. Hier wird eben ein ernstes Stück gegeben. Was macht aber dann die allgemeine Unlust aus? Liegt es an der nicht besonders originellen Inszenierung, an den Protagonisten? In der Tat wirkten Merkel und Steinmeier bei ihrem Fernsehduell etwas hölzern, vor allem bei den Abschlussstatements. Gut eingeübt und brav abgespult. Wie geklont, lautete ein Kommentar.
Es stimmt: Ihre Texte haben sie alle gelernt, die politischen Akteure, die sachliche Kompetenz ist ihnen nicht abzusprechen; aber etwas mehr Leidenschaft wäre wünschenswert. Nicht Aggressivität, sondern mit Leben erfüllter Kampfgeist. Da haben es Charismatiker wie etwa Oskar Lafontaine oder Gregor Gysi von der Linkspartei oder auch ein schlagfertiger Populist wie FDP-Chef Guido Westerwelle eindeutig leichter als ein Frank-Walter Steinmeier, dem es einfach nicht gelingen will, bei der Bevölkerung "anzukommen". Auch Angela Merkel wirkt ein wenig wie eine politische Maschine, technisch einwandfrei, sehr souverän. Sie ist populär, wie die Umfragen zeigen, aber keine Kanzlerin der Herzen.

Da dem Wähler aber gerade die Persönlichkeiten wichtig sind, hat ihnen das großkoalitionäre TV-Duell kaum Klärung gebracht. Im Gedächtnis wird am ehesten die neue Wortprägung der "Tigerentenkoalition" bleiben, die sich die Moderatorin Illner hat einfallen lassen, um dem Publikum doch noch etwas "Lustiges" zu bieten. Ein schwarz-gelbes Bündnis also, wie es sich Bundeskanzlerin Merkel wünscht. In den derzeitigen Umfragen kommt eine Koalition von Union und FDP seit Wochen auf eine knappe Mehrheit.
Eine ausgemachte Sache ist die Tigerentenkoalition aber keineswegs. Auch beim letzten Mal, 2005, sind Union und FDP allzu siegessicher gewesen. Angesichts des Verlusts der Volksparteien und des Zugewinns der Kleinen wissen die Wähler diesmal kaum, welche Konstellation am Ende herauskommen kann und wie ernst sie die jetzt geäußerten Koalitionspräferenzen nehmen dürfen. Es ist durchaus möglich, dass nach der Bundestagswahl das "alte", gut eingespielte Ehepaar weiterregiert.

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