"KURIER"-Kommentar von Christoph Kotanko: "Die Lehrer fühlen sich verfolgt. Zu Recht."

Die Schulen werden nicht besser, wenn man ständig ein Feindbild pflegt.

Wien (OTS) - Es war wie jedes Jahr zu Schulbeginn: Der höchste Politiker des Landes forderte alle Schülerinnen und Schüler auf, hart zu arbeiten und Verantwortung für sich selbst zu übernehmen. "Was ihr heute in der Schule lernt, entscheidet darüber, ob wir als Nation unsere größten Herausforderungen in der Zukunft bestehen können!" Wer schlechte Noten bekomme, dürfe nicht an sich zweifeln, sondern müsse mehr lernen. Fleiß und Lerneifer seien die Schlüssel zum Schulerfolg. Wer aufgebe, gebe sich selbst auf und sein Land.
Ein Mutanfall von Heinz Fischer?
Weit gefehlt. Es war Barack Obama, der zum Auftakt des Arbeitsjahres die US-Schüler in die Pflicht nahm.
Nun sind solche Ruck-Reden kein Ersatz für eine vernünftige Bildungspolitik. Die Schüler sind doch nur ein Teil des Systems. Die sogenannte Schulpartnerschaft hat drei Akteure: Die Schüler, die Lehrer und die Eltern bzw. Erziehungsberechtigten. Doch in der öffentlichen Diskussion kommen fast ausschließlich die Lehrer vor -meistens als negative Stereotype.
Damit machen es sich die Politik und ihre Beobachter zu einfach. Die Wirklichkeit ist komplexer, als es die veröffentlichte Meinung vortäuscht.
Die Erziehung geht alle an. Das beginnt fraglos bei den Erziehungsberechtigten. Welche Grundlagen und Werte vermitteln sie ihren Kindern? Werden sie geliebt? Werden zu Hause die kindlichen Bedürfnisse berücksichtigt, die Fähigkeiten gefördert, wird die natürliche Freude am Entdecken und Lernen unterstützt?
Die Antwort ist in vielen Fällen: Nein. Solche Kinder kommen mit Defiziten in die Schule.
Nachdem aber alle Eltern auch Wahlberechtigte sind, drückt sich die Politik davor, deren Versäumnisse deutlich anzusprechen und die gesellschaftliche Notlage klar zu benennen.
Stattdessen werden wolkige "Bildungsdebatten" mit den ewig gleichen Themen geführt: "Kosten sparen im Schulsystem", Modernisierung der Schulverwaltung", "Abbau von Doppelgleisigkeiten", "Transparenz bei der Direktorenbestellung" usw. usf.
Als soziale Reparaturwerkstätten sind die Schulen zunehmend überfordert. Ständig stellen sich neue Aufgaben. Seit einiger Zeit nimmt z. B. das Mobbing massiv zu, die körperliche und seelische Gewalt gegen Jugendliche. Da können fallweise Lehrkräfte die Täter sein. Doch das alarmierende aktuelle Phänomen ist die wachsende Gewalt unter Schulkameraden, der tägliche Klassenkampf, ein Martyrium, das jetzt auch im Internet gezeigt wird (das Hamburger Magazin stern widmet dem Thema diese Woche die Titelgeschichte).
Bei alldem haben die Lehrer Mitverantwortung. Wie man sie auswählt, ausbildet, führt und fördert, ist existenziell für die Qualität der Schulen. Auch die Lehrer sind zu prüfen: Was machen sie richtig, was falsch?
Doch für solche Qualitätsfragen ist das alte System ungeeignet. Daran sind freilich nicht "die Lehrer" schuld, sondern leistungsschwache Politiker.

Rückfragen & Kontakt:

KURIER, Chefredaktion
Tel.: (01) 52 100/2601

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PKU0002