Neues Buch über Wiens Stehgreiftheater

Wien (OTS) - Mit der bekannten Tschauner-Bühne in Ottakring ist Wiens Stehgreiftheater zwar nicht völlig untergegangen, verglichen mit der Fülle an verschiedenen Ensembles, die früher für Unterhaltung, Humor, aber auch für Rührung, Tränen und "Klassiker"-Bildung unter den "kleinen Leuten" sorgten, ist vom Wiener Stehgreifspiel dennoch nicht mehr viel da. "Der Mord in der Wurlitzergasse" ist in Ottakring zum Klassiker geworden, einfach aufbereitete Stücke von Anzengruber, Schiller oder Shakespeare gehören längst der Wiener Theatergeschichte an. Für Gabriele Frisch, Autorin des Buches über dieses Bühnenformat von Bildungsanspruch, schlagfertiger Unterhaltung und Witz, war es nicht überraschend, "dass über diese Theaterform kaum etwas in den Archiven zu finden war." Auch die akademische Lehre hat sich bis vor kurzem dem "Wirtshaus/Freiluft-Theater" mit eingeschränkter Konzession nicht angenommen. Seit kurzem ist das laut Frisch, die selbst einer Wiener Schaustellerfamilie entstammt, anders: "Heute gibt es einige Wissenschaftler auf der Theaterwissenschaft, die diese Facette ernst nehmen."

Die Hochblüte des Wiener Stehgreifspiels waren die ersten drei Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts. Damals "funktionierte" auch der Volksprater noch als wichtiger Ort des Varietes und schnellen Bühnenspiels, etwa im "Variete Leicht", wo auch Burgschauspieler auftraten. Die Schauspieler der Stehgreifbühnen - ein Ensemble bestand aus mindestens 10 Personen - verstanden sich laut Frisch als "durchwegs ernst zu nehmende Akteure", auch wenn sie in ihrem Brotberuf als Mechaniker, Servierkräfte oder Verkäuferinnen werkten. Stehgreif galt lange Zeit als "besondere Kunst": Die Spielpläne gehörten zu wohl gehüteten Geheimnissen der Schausteller-Familien. "Man wollte ja der Konkurrenz nicht zuarbeiten", so die Theaterwissenschaftlerin und intime Kennerin des "Tschauners". Ebenso heikel war es auch, Zugang in dieses Schauspieler-Milieu zu gelangen. Ihre eigene familiäre Herkunft, Frischs Familie betrieb bis in die 1960er Jahre in Favoriten ein Stehgreif-Theater, kam ihr da "sehr entgegen". Um mit dem Theater ein Geschäft zu machen, waren die Karten so berechnet, dass sie immer um eine Spur günstiger waren als die billigste Kinokarte, der großen Konkurrenz im Bereich des "kleinen Vergnügens". Das Aufkommen des Fernsehens zeitigte Folgen:
Das Publikum blieb zu Hause und freundete sich mit neuen Unterhaltungsformaten an ("Löwinger Bühne"), zugleich verflachte laut Frisch auch das Repertoire der noch bestehenden Wiener Stehgreifbühnen, die in ihrer Hochblüte zwischen Ostern und November meist Open Air täglich für abendlichen Kurzweil sorgten. Die Klassiker der Bühnenkunst wurden zur Seite geschoben, Komödien begannen sich immer mehr durchzusetzen. "Man wollte nicht mehr weinen, sondern lachen." An den Anforderungen für die Schauspieler änderte sich deswegen nicht viel: Das sofortige Reagieren auf "Stimmungen" im Publikum, der feine Wortwitz, das Improvisieren bzw. die eigenständige Positionierung der Figur unterscheidet das Stehgreiftheater deutlich vom klassischen Regietheater, wie es an den festen Bühnen Wiens zu Hause ist. Interessantes Detail: Auch der Wohnungsneubau trug dazu bei, dass Wiener Stehgreif-Familien ihrer Berufung "untreu" wurden. Die freien Plätze in der Vorstadt wurden rar, die Konzessionen wanderten zurück in die Verwaltung.

Frischs Studie leistet vieles. Zum einen schafft sie erstmals einen Überblick über die Entwicklung des Wiener Stehgreiftheaters, zum anderen dokumentiert sie präzise die durchwegs wellenförmig verlaufene 100jährige Ensemblegeschichte der Tschauner-Bühne in der Maroltingergasse, die heute offiziell "Original Wiener Stehgreifbühne" heißt und seit 1987 vom Wiener Volksbildungswerk betrieben wird. 1909 in der Brigittenau von Gustav Tschauner gegründet, musste die Bühne mehrfach den Standortwechseln, bis sie 1957 in der Maroltingergasse ihren "Hafen" fand. Zehn Mal pro Saison ist Frisch "sicherlich zu Besuch dort". Aufforderungen, einmal auf der Bühne mitzuspielen, hat sie sich bislang immer entzogen. "Obwohl es mir im Blut liegt", so die Chronistin des Wiener Stehgreif-Theaters, die im heutigen Improvisationstheater Anklänge des früheren Stehgreifspiels wiederzufinden meint.

Gabriele Frisch, Vom Stehgreiftheater Tschauner zu Impro-X. Die Kunst der Improvisation im Wien des 20. Jahrhunderts, Verlag Bibliothek der Provinz, ISBN 978 3 902416 16 2, Euro 24. (Schluss) hch

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