DER STANDARD-KOMMENTAR "Fadesse pur" von Alexandra Föderl-Schmid

Die "Sommergespräche" zeigten, wie in Österreich Politik und ORF funktionieren - Ausgabe vom 10.9.2009

Wien (OTS) - Es ist vollbracht: Die Sommergespräche im ORF haben keinen Erkenntnis- und nur geringen Unterhaltungswert gebracht. Die fünf TV-Sendungen zeigten aber, wie in Österreich die Politik und der ORF funktionieren und wie sie sich präsentieren. Inszeniert wurde auf den großen Kulturbühnen in diesem Land, also vor einer schönen Kulisse. Damit war klar: Es handelt sich nur um Theater, um leichte Unterhaltung.
Dabei sind wir alle knapp einer Entenkomödie entgangen: Nur das beherzte Eingreifen der Sprecherin des Bundeskanzlers, Angelika Feigl, verhinderte, dass das Gespräch mit dem Regierungschef von Tiergeräuschen gestört hätte werden können. Mit ihren dreist formulierten Vorgaben ("Am See quaken gerne Enten, nicht einmal das möchte ich!") hat sie nicht nur ihren Chef Werner Faymann blamiert, von dem sie fürchtete, dass er auf offener Seebühne "zur Lachnummer" werde. Blamiert hat sich auch der ORF: Denn dass die Intervention tatsächlich Erfolg zeigte und die Aufzeichnung nicht auf der Bregenzer Seebühne, sondern im Festspielhaus stattfand, stellt die Unabhängigkeit des "neuen" ORF infrage.
Denn das erinnert an die legendäre Stuhlprobe: 2006 lieferte der ORF vor den Wahlkonfrontationen den Stuhl für Wolfgang Schüssel zum Probesitzen ins Kanzleramt. Damals galt der ORF als Schwarzfunk unter Werner Mück und Monika Lindner. Seit Alexander Wrabetz ORF-Generalintendant und Elmar Oberhauser Informationsdirektor sind, sind nach Schilderung der Kollegen die Zahl der direkten Interventionen tatsächlich zurückgegangen. Deshalb ist das Nachgeben nun ein Sündenfall, der wohl darauf zurückzuführen ist, dass sowohl Wrabetz als auch Oberhauser ihre ORF-Funktionen behalten wollen. Dass der SPÖ-Chef im Gegensatz zu den anderen Politikern bei den Sommergesprächen nicht Wind und Wetter ausgesetzt war, hat aber nicht zu mehr inhaltlicher Tiefe geführt. Faymann referierte brav Zahlen, gab unverbindliche Antworten. Nicht einmal im ORF konnte man dem Gespräch mehr Neuigkeitswert entlocken als jene, dass der Bundeskanzler das gute Klima in der Koalition lobte.
Auch die anderen Gäste und Gespräche boten Ähnliches: Vizekanzler Josef Pröll versuchte einmal mehr, möglichst sympathisch Unkonkretes rüberzubringen, was die Austria Presse Agentur zur Schlagzeile "Weiter Schweigen bei Kommissar und Bundespräsidenten" animierte. Von FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache wird der Dreitagebart in Erinnerung bleiben und sein rasantes Sprechtempo, Josef Buchner vom BZÖ versuchte sich dagegen als Charmebolzen ohne inhaltliche Höhenflüge. Maria Vassilakou, die für einige Wochen die Karenzvertretung der Grünen-Chefin war, versuchte, möglichst freundlich und fesch auszusehen, war aber inhaltlich auch nicht gefordert. Denn die als Fragensteller eingeladene Künstlerin Erika Pluhar war kein Widerpart. Insgesamt ist das Konzept, dass Filmschaffende, Kabarettisten und Schauspieler mehr aus den Gästen herauslocken können als Journalisten, nicht aufgegangen. Die journalistische Kompetenz wurde an Unbedarfte abgegeben.
Das Konzept kann in Print funktionieren - der Standard stand mit seinen vor zwei Jahren erstmals publizierten 2+1-Gesprächen Pate. Im Fernsehen, wo es auch auf rasche Reaktion und Körpersprache ankommt, hat es nicht geklappt. Ingrid Thurnher wirkte latent gelangweilt. So waren die Gespräche dann auch: Fadesse pur. Fragesteller, die nicht wirklich fragten, und Interviewte, die möglichst gut ausschauen und möglichst wenig aussagen wollten. Von Visionen oder Zukunftskonzepten ganz zu schweigen, von Streitkultur keine Spur.

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