FEEI/FV UBIT: Realisierung von eHealth in Österreich ist in weiter Ferne

Fehlendes Dachmanagement kostet Geld und Arbeitsplätze / Wirtschaft fordert Integration als Gesprächspartner auf Augenhöhe

Wien (OTS) - Nach fast zweijährigem Stillstand soll wieder
Bewegung in den Ausbau von eHealth-Anwendungen in Österreich kommen. In einem ersten Schritt ist der Aufbau wesentlicher Infrastrukturelemente geplant. Die eMedikationsdatenbank soll schließlich als erste sektorenübergreifende eHealth-Anwendung bis 2011 flächendeckend umgesetzt werden. Nach Meinung der betroffenen Wirtschaftszweige ein unter den derzeitigen Rahmenbedingungen unrealistisches Vorhaben. "Der Aufbau von eHealth in Österreich scheitert seit mittlerweile fünf Jahren an einem fehlenden Dachmanagement mit den notwendigen Kompetenzen und an der mangelhaften Vernetzung der verschiedenen Stakeholder. Wenn wir an der Prozessstruktur nichts ändern, werden wir auch in den nächsten Jahren keine flächendeckenden Realisierungen haben", kritisieren Manfred Müllner, Geschäftsführer-Stv. des FEEI - Fachverband der Elektro- und Elektronikindustrie und Wilfried Seyruck, Obmann-Stv. des Fachverbandes Unternehmensberatung und Informationstechnologie (UBIT). Darüber hinaus ist es nach Meinung beider Branchenvertreter inakzeptabel, dass die Wirtschaft als Technologieanbieter nicht als gleichberechtigter Partner in den eHealth-Prozess einbezogen ist. Die Unternehmen investierten seit 2005 in die Entwicklung von Anwendungen und sind daher aufgrund ihres technischen Know-hows und ihrer Lösungskompetenz unverzichtbare Experten. Trotzdem wird das hier zur Verfügung stehende Wissen bis dato nicht wirklich - und wenn dann nur auf der Basis ehrenamtlicher Mitarbeit in Projektgruppen - in Form von Anwendungen umgesetzt. Seyruck weist in diesem Zusammenhang darauf hin, dass "beispielsweise seit Jahren Lösungen von privaten Gesundheitsdiensteanbietern im Bereich der elektronischen Gesundheitsakte bestehen. Diese funktionierenden Lösungen müssen über offene Standards in ein Gesamtsystem eingebunden werden. Nur damit kann sowohl für die Ärzte als Nutzer der Systeme als auch für die privaten Softwareanbieter Investitionsschutz erreicht werden und die Umsetzung von eHealth an Geschwindigkeit gewinnen."

Wirtschaft fordert Gesellschaftersitz in neuer ELGA GmbH

"Das Beispiel eMedikation zeigt deutlich, dass noch immer Anwendungen bis ins kleinste Detail politisch gestaltet werden, anstatt nur Funktionalitäten zu definieren, anhand derer dann von den Technologieanbietern eine passende Lösung erarbeitet wird. Dieses Vorgehen ist extrem ineffizient. Es dauert Jahre, bis Details festgelegt sind und am Ende werden hausinterne IT-Dienstleister mit der Umsetzung bevorzugt, die über Trägerorganisationen in den politischen Prozess integriert sind.", bemängelt Müllner. Daher bleibt zu befürchten, dass sich der Aufbau einer integrierten Versorgung weiter verzögert und neben den vielen Millionen, die bis jetzt von der Wirtschaft in eHealth Entwicklungen investiert wurden, auch Arbeitsplätze in für Österreich technologisch wichtigen Bereichen verloren gehen. Denn laut einer aktuellen Roland Berger Studie hat eHealth ein hohes Wachstumspotential. Unter passenden Rahmenbedingungen ist ab 2010 eine Marktsteigerung von 11% pro Jahr möglich (von 24,6 Mrd. Euro 2010 auf 37,6 Mrd. Euro 2014). Konkret fordern die Branchenvertreter daher einerseits eine Dachorganisation, die mit ausreichenden Finanzmitteln und Kompetenzen ausgestattet ist und den Prozess sowie alle Anwender koordinieren soll. Andererseits geht es vor allem um die aktive und gleichberechtigte Rolle der Unternehmen im vorwettbewerblichen Umfeld. "Die naheliegendste Lösung ist für uns die Teilnahme der Wirtschaft an der neuen ELGA GmbH, die als Nachfolgerin der ARGE ELGA im Herbst 2009 gegründet wird, z.B. als Gesellschafter", sind sich Müllner und Seyruck einig. Dass ein Miteinander von Politik und Wirtschaft bei komplexen Technologieprojekten nicht nur notwendig, sondern auch möglich ist, zeigen internationale Beispiele wie das Projektbüro eGesundheit.nrw in Nordrhein-Westfahlen.

Verzögerung bei eMedikation verhindert Einsparungen von 150 Mio. Euro pro Jahr

Müllner sieht sich in seiner Kritik unter anderem durch die aktuellen Entwicklungen rund um das Thema eMedikation bestätigt. Nach einem erfolgreichen Pilotversuch ("Arzneimittelsicherheitsgurt") in Salzburg im Jahr 2007 hätte der österreichweite Rollout einer eMedikationsdatenbank bereits Ende 2008 erfolgen können. Was jedoch folgte, war ein politisch motivierter Projektstopp bis Mai 2009. Das Projekt liegt seither in der Verantwortung des Hauptverbandes der Sozialversicherungsträger. Für die Wirtschaft ist dieses Vorgehen in keinster Weise nachvollziehbar. "Dank der Eigeninitiative der Unternehmen während des Projektstopps sind die für eine erfolgreiche Realisierung erforderlichen Technologien mittlerweile längst entwickelt und verfügbar. Trotzdem wird das Projekt vom Hauptverband jetzt neu aufgerollt. Es wurde ein eigener Lenkungsausschuss eingesetzt, der die rechtlichen und technischen Rahmenbedingungen klären soll. Wir beginnen also wieder von Null. Alarmierend an diesem Vorgehen ist, dass kein Vertreter der Wirtschaft in diesem Prozess vertreten ist, eine Expertise der technischen Lösungsanbieter daher nicht möglich, vielleicht auch nicht erwünscht ist", kritisiert Müllner den Hauptverband.

Selbst ein in Wien bereits zwischen der Ärzte- und Apothekekammer sowie der pharmazeutischen Gehaltskasse vereinbartes Pilotprojekt liegt derzeit auf Eis, solange bis man sich laut Hauptverband über alle "standespolitischen Fragen" einig sei. Diese Verzögerungen kosten laut Seyruck bares Geld. Einerseits liegen die bereits von den Unternehmen getätigten Investitionen in Millionenhöhe brach. Anderseits könnten jährlich durch eine flächendeckende eMedikation 150 Mio. Euro im österreichischen Gesundheitswesen eingespart werden bzw. für andere notwendige zusätzliche Aufgaben verwendet werden. Darüber hinaus hat eine Hochrechnung nach der erfolgreichen Durchführung in Salzburg ergeben, dass dank dieser eHealth-Anwendung die Rettung von mehr als 1.000 Menschenleben pro Jahr möglich wäre.

Vorgehen bei eHealth-Pilotprojekten konterkariert sektorübergreifende Lösungen

Zweiter aktueller Anlass sind die geplanten Pilotierungen bei den ersten eHealth Kernanwendungen Entlassungsinformation, Laborbebefund und Röntgenbefund. In 20-monatiger Arbeit hat die Wirtschaft gemeinsam mit allen anderen relevanten Stakeholdern an den Umsetzungsleitfäden für die sogenannte Clinical Document Architecture (CDA) als kostenlose Vorrausleistung für in Zukunft zu erwartende Aufträge gearbeitet. Allerdings wurden ausschließlich die Krankenanstalten von der Bundesgesundheitskommission zur Durchführung von Pilotprojekten eingeladen. "Dieses Vorgehen hat nichts mit der Errichtung einer integrierenden eHealth-Architektur zu tun. Vielmehr werden die individuellen Umsetzungen der einzelnen Trägerorganisationen forciert. Das bringt weder positive Effizienz-noch Kosteneffekte. Der Aufbau einer integrierten Gesundheitsversorgung wird nur gelingen, wenn alle Stakeholder einbezogen werden. Das gilt für die Unternehmen als Technologieanbieter ebenso wie für die Gesundheitsdiensteanbieter als Anwender", fordert Seyruck. Die von der Wirtschaft angebotenen Anwendungen basieren bereits seit langem auf international anerkannten Standards und stellen damit den uneingeschränkten systemübergreifenden Datenaustausch sicher. Wie wichtig das Vermeiden von Insellösungen ist, hat das Gesundheitsministerium mit seiner Unterstützung des Vereins IHE-Austria, in dem alle wesentlichen Anbieter vertreten sind, sehr gut erkannt. Daher appelliert Seyruck abschließend an die Politik alle Stakeholder in den gesamten Prozess der Umsetzung von eHealth miteinzubeziehen.

Über den FEEI

Der Fachverband der Elektro- und Elektronikindustrie vertritt in Österreich die Interessen von 285 Unternehmen mit mehr als 60.000 Beschäftigten und einem Produktionswert von 11,8 Milliarden Euro (Stand 2008). Gemeinsam mit seinen Netzwerkpartnern - dazu gehören u. a. die Fachhochschule Technikum Wien, das Forum Mobilkommunikation (FMK), ICT Austria, das UFH, das Umweltforum Starterbatterien (UFS), der Verband Alternativer Telekom-Netzbetreiber (VAT) und der Verband der Bahnindustrie (bahnindustrie.at) - ist es das oberstes Ziel des FEEI, die Position der österreichischen Elektro- und Elektronikindustrie im weltweit geführten Standortwettbewerb zu stärken. Weitere Informationen und Pressemeldungen sowie Bildmaterial finden Sie unter http://www.feei.at/presse/.

Über UBIT

Mit über 49.000 Mitgliedern ist der Fachverband Unternehmensberatung IT (UBIT) der zweitgrößte Fachverband der Wirtschaftskammer Österreich. Er nimmt die Interessen der Unternehmer und Unternehmerinnen folgender Berufsgruppen wahr:
Unternehmensberatung, Informationstechnologie und Telekom-Dienstleistung sowie Berufe des Rechnungswesens (Bilanzbuchhaltung, Selbstständige und Gewerbliche Buchhaltung). Ziel ist es, berufsrelevante Rahmenbedingungen für die AnbieterInnen wissensbasierter Dienstleistungen zu optimieren und dem Markt die Leistungen der Berufsgruppen zu kommunizieren. Informationen finden Sie unter http://www.ubit.at .

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