"DER STANDARD"-Kommentar: "Antreten zur Reifeprüfung" von Lisa Nimmervoll

Die große Koalition muss eine große Schulreform durchsetzen - und zwar jetzt - Ausgabe vom 9.9.209

Wien (OTS) - In zwölf Jahren könnten sie Matura machen - die Kinder, die in diesen Wochen ins österreichische Schulsystem einsteigen. Aber nicht einmal die Hälfte von ihnen, nur rund 42 Prozent, werden im jetzigen System "reif" für die Uni erklärt werden und in die Nähe eines akademischen Abschlusses kommen. Immerhin, wenn Mama und/oder Papa studiert haben, ist die Chance dieser Erstklässler, an einer Uni zu landen, schon am ersten Schultag überdurchschnittlich hoch. Zweieinhalbmal höher als die von Kindern, deren Eltern keine akademische Bildung haben.
Jede/r fünfte dieser Schulanfänger wird aber auch mit 15 nicht sinnerfassend lesen können - als Teilanalphabet in einem der reichsten Länder der Welt das Auskommen finden müssen, in einer schlecht bezahlten Nische im finstersten Eck des Arbeitsmarktes, vielleicht angewiesen auf öffentliche Unterstützung. Bildungsarmut ist immer der erste Schritt in die Lebensarmut.
Tatsächlich lebt die alte "Klassenfrage" in den Schulklassen bis heute fort - politisch von Teilen des Parteienspektrums offenbar vorsätzlich gewollt, weil seit Jahren nichts Substanzielles getan wird, um die in vielen Studien bestätigte hohe soziale Selektivität des österreichischen Schulsystems abzuschaffen. Auch der neueste Blick der OECD auf die internationalen Bildungssysteme zeigt, dass die frühe Bildungswegentscheidung mit zehn Jahren Ungleichheit reproduziert.
Was tut Österreich? Antwortet mit Butter für die Wurstbrotschule. Nach dem Motto: das trockene Brot für die Hauptschüler, für die Gymnasiasten weiter das bessere Wurstbrot - und neu: das nicht ganz so trockene Butterbrot für die "Mittelschüler". Aber bitte nur für jedes zehnte Kind! Denn nur zehn Prozent der Schüler dürfen die gemeinsame Schule bis 14 besuchen. Ja nicht mehr, auf dass der Herdentrieb der Eltern, der sich schon jetzt abzeichnete, nicht das fein austarierte System der feinen Unterschiede ins Wanken bringen könnte.
Das ist Schulpolitik à la Österreich.
Die Opfer dieses Systems - die Bildungsverlierer - sind schon heute prognostizierbar, weil das hiesige Schulsystem ist, wie es ist. Und weil die Chancen, dass es anders - pädagogisch besser, sozial gerechter und effizienter verwaltet - wird, so schlecht stehen wie nie zuvor. Die Phalanx der Blockierer und Verhinderer unter den Landeshauptleuten und in der Lehrergewerkschaft hat schon Aufstellung genommen, um die im Herbst "drohende" große Bildungsreform wieder im Keim zu ersticken. Dabei müsste allen Beteiligten klar sein, dass eine radikale Schulreform, buchstäblich an die Wurzel gehend - das lateinische "radix" heißt Wurzel, Ursprung -, jetzt her muss.
Wie viele Jahrgänge sollen denn noch in einem Schulsumpf versinken, der für die Bedürfnisse der industrialisierten Gesellschaft des 19. Jahrhunderts nach ständischem Muster ausgerichtet ist? Händisch arbeitende Hackler für das, wobei man dreckig wird, ein paar besser gebildete Befehlsempfänger für die Papierarbeit im Büro und eine kleine Bildungs- und Besitzelite, die oben thront. Die Lebens- und Arbeitswelten der Eltern haben sich verändert. Aber die Schule ist noch immer die alte. Sie braucht nachholende Modernisierung.
Was die Regierung im Finanzbereich schnell erkannt hat, ist im Schulbereich überfällig: Sie muss das Vertrauen in das öffentliche Schulsystem wiederherstellen. Den begründeten Glauben daran, dass jedes Kind dort die beste Bildung bekommt. Im Moment ist dieses Vertrauen zerrüttet. Ja, ein funktionierendes Finanzsystem ist existenziell wichtig für moderne Gesellschaften. Aber es ist das Bildungssystem, das den ganzen Laden am Laufen hält. Die Schulreform wird die politische Reifeprüfung für diese rot-schwarze Regierung. Sie muss antreten. Und bestehen.

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