"Die Presse"-Leitartikel: Bildungsschwäche ist eine Politikschwäche, von Erich Witzmann

Ausgabe vom 9.9.2009

Wien (OTS) - Die OECD konstatiert Defizite im österreichischen Bildungssystem. Unbekannt sind diese freilich nicht.

Wo bleiben unserer Lehrerinnen und Lehrer? Versickern sie im Dickicht unserer Bildungsstruktur? Manche glauben, dass zu viele Zwergschulen zu viele Lehrkräfte binden, andere weisen auf eine berufsfremde Verwendung der Dienstposten hin (etwa in Wien durch die Anstellung von Sozialbetreuern auf Lehrerstellen), vielleicht aber geht die Kompetenz der Pädagogen durch eine zu geringe Unterrichtszeit verloren.
Die aktuelle OECD-Statistik "Education at a Glance" nimmt auf mögliche österreichische Argumente (oder Ausreden) keine Rücksicht, sie weist in diesem Punkt nur zwei Zahlen aus: Auf einen Lehrer kommen im Schnitt in der Volksschule 13,6 Schüler, in der Sekundarstufe 10,6. Das liegt klar unter dem höheren OECD-Mittelwert (16 bzw. 13). Die Klassengrößen unterscheiden sich aber nur geringfügig bei den Volksschulen, bei den Zehn- bis 19-Jährigen liegen sie im Vergleich zum OECD-Mittel trotz höherer Lehrerzahl sogar etwas höher.
Ungereimtheiten dieser Art zeigen den Erklärungsbedarf der österreichischen Bildungspolitik. Wobei auch die OECD-Kritik nicht eins zu eins übernommen werden darf. Da nimmt man zum Beispiel an den zu geringen Klassengrößen Anstoß, weil eben die internationalen Experten von einem wirtschaftlichen Rentabilitätsdenken ausgehen. Das Vorzeigeprojekt von Unterrichtsministerin Claudia Schmied ist dennoch nicht gefährdet: Österreich steht zu seinem besseren Betreuungsverhältnis zugunsten der Schüler und wird diesen Weg fortsetzen. Die Frage, warum unser Land bei den PISA-Vergleichsstudien so schlecht abschneidet, obwohl andere Länder mit weniger Pädagogen auskommen, drängt sich da am Rande freilich auch auf.
Der neue OECD-Befund ist nicht die Totalverurteilung unserer Bildungslandschaft, einige Schwächen werden aber deutlich. Und er sollte zumindest eine Konsequenz nach sich ziehen: dass sich alle Beteiligten endlich an einen gemeinsamen Tisch setzen. Das muss gar nicht immer von den Ministerien ausgehen, auch die Lehrkräfte sollten an einer friktionsfreien Berufsausübung interessiert sein. Auch sie könnten den ersten Schritt unternehmen, umso mehr, da ihre zuvor hohen Imagewerte zuletzt in den Keller gerutscht sind.
Die Lehrer müssen ebenfalls für eine neue Schule kämpfen: für eine Schule, die ihnen Entfaltung ermöglicht, die eine Rückmeldung ihrer Leistungen garantiert, die eine (auch finanzielle) Honorierung ihrer Erfolge sichert; für eine Schule, in der durch hervorragende Beratung und Betreuung auch die dafür geeigneten Schüler sitzen, in der Klassenwiederholungen dann nur noch die Ausnahme sind. Ob da die Schule bis 13 oder 14 Uhr oder bis in den mittleren Nachmittag dauert, sollte nur ein von der Nachfrage bestimmtes Thema sein. Eine hervorragende Schule lässt sich in beiden Formen verwirklichen. Gleiches gilt für die Universitäten, für die internationale Vergleichswerte geradezu lebensnotwendig sind. Da gibt es zwar das OECD-Lob bezüglich einer äußerst geringen Drop-out-Quote, gleichzeitig aber die Kritik der langen und daher teuren Studienzeiten. Dass die Studienpläne überfrachtet und zu sehr reglementiert sind, hat der Experimentalphysiker Anton Zeilinger erst vor Kurzem in der "Presse" konstatiert. Im direkten Gespräch schließen sich die meisten Uni-Lehrer dieser Auffassung an. Sobald es aber um die Studienpläne geht, hat jede Fachrichtung ihre Forderungen parat, ihre unabdingbare Stundenzahl und ihre Prüfungen.
Mit der zu geringen Akademikerquote wird Österreich noch lange zu den OECD-Nachzüglern zählen. Das sechssemestrige Bachelorstudium wird manches ändern, die Pflichtschullehrerausbildung wird nun akademisiert, vielleicht auch jene der Kindergärtnerinnen. Ob freilich jede Krankenschwester und jeder Sekretariatshelfer einen Studienabschluss benötigt, darf man infrage stellen.

Es gibt keinen Gesamtbildungsplan, weder für die Schule noch für die Universitäten, schon gar nicht für den gesamten Bildungsweg. Es fehlen Hinweise über den Bedarf bei der Facharbeiterausbildung oder bei den berufsbildenden mittleren und höheren Schulen. Die offizielle Bildungspolitik schreckt vor solchen Aussagen zurück. Denn sonst müsste sie feststellen, dass Akademiker bereits die Absolventen höherer Schulen (vor allem der Handelsakademien) verdrängen, die wiederum die bisherigen Jobs der Abgänger aus den mittleren Schulen besetzen. Bei derartigen unbequemen Wahrheiten drückt sich die Politik - und auch das ist Teil der Bildungsmisere.

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