WirtschaftsBlatt-Leitartikel: Im Osten startet der Sommer-schlussverkauf - von Herbert Geyer

In den betroffenen Ländern ist die Begeisterung enden wollend

Wien (OTS) - Experten sprechen bereits von der größten Privatisierungswelle seit den frühen 90er-Jahren: Allenthalben wird in Osteuropa das letzte noch verbliebene Familiensilber auf den Markt geworfen.

Das ist natürlich gut so. Denn wer wüsste besser als gerade die früheren Comecon-Staaten, dass der Staat als Unternehmer eine Fehlbesetzung ist.

Freilich ist es nicht diese Erkenntnis, die jetzt zum großen Abverkauf führt. Es ist vor allem das Diktat der leeren Kassen im Gefolge der Weltwirtschaftskrise: Auch jene Staaten, die sich eine aktive Krisenbekämpfung nicht leisten konnten, sehen sich in Folge sinkender Steuereinnahmen und steigender Ausgaben für Arbeitslose mit wachsenden Budgetdefiziten konfrontiert, die mit Anleihen nur schwer zu bedecken sind. Sofern solche Geldaufnahmen auf dem übervorsichtig gewordenen Markt überhaupt zu platzieren sind, kosten sie jedenfalls gewaltig hohe Zinsen.

In den betroffenen Ländern ist die Begeisterung enden wollend: Nicht erst die akute Krise hat gezeigt, dass privatisierte Betriebe (die nota bene zumeist in ausländischer Hand gelandet sind) sich wenig um inländische Arbeitsplätze scheren, wenn es darum geht, mehr Effizienz und damit mehr Gewinn zu erreichen. Und auch auf den Märkten schlägt privatisierten Unternehmen nicht nur Begeisterung entgegen. Die OMV zum Beispiel sieht sich in Rumänien immer wieder mit Vorwürfen konfrontiert, ihre dortige Tochter Petrom und deren Markt rücksichtslos auszusaugen. Was haben wir davon, wenn wir unsere Staatsbetriebe verkaufen, fragen sich viele in den Reformstaaten: Die Jobs sind weg - und die Gewinne fließen ins Ausland.

Auch ernst zu nehmende Wirtschaftsexperten sehen die bevorstehende Ausverkaufswelle skeptisch: Familiensilber zu verhökern, um laufende Budgetausgaben zu decken, ist nicht gerade ein Merkmal nachhaltigen Wirtschaftens. Zumindest sollten die Gewinne aus den Beteiligungsverkäufen für neue Investitionen verwendet werden. Daher sieht ja auch der Maastricht-Vertrag vor, dass Privatisierungserlöse nicht direkt mit Budgetabgängen gegengerechnet werden können. Nur mit Tricks ist es möglich, die Verkaufserträge zum Stopfen von Budgetlöchern zu verwenden.

Den Investoren kann's egal sein: Einige der Unternehmen, die jetzt auf den Verkaufslisten stehen - von Europas größtem Kupferproduzenten KGHM bis zum Raffineriebetrieb Lotos -, sind wahre Goldgruben. Und sie sind momentan noch recht günstig zu haben.

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