Sima/GLOBAL 2000/Greenpeace: Startschuss für die Mochovce-UVP

7. 9 bis 6. 10: Einspruchsmöglichkeit gegen Ausbau des grenznahen Atomkraftwerks

Wien (OTS) - Ab heute, Montag, können alle Wienerinnen und Wiener ihren Einspruch gegen den Ausbau des slowakischen Atomkraftwerks Mochovce deponieren. Die Stadt Wien schickt an alle Haushalte Einspruchskarten, es gibt Unterschriftenlisten im Internet auf www.natuerlich.wien.at. Gemeinsam mit Vertretern von GLOBAL 2000, Vertretern von Greenpeace Österreich und der Slowakei, der Wiener Plattform gegen Atomgefahr und der Wiener Umweltanwaltschaft hat Umweltstadträtin Ulli Sima heute den Startschuss für die große Einspruchskampagne gegeben: "Die Sicherheitsmängel im nur 160 km von Wien entfernten AKW Mochovce sind dramatisch, der Fertigbau der Uralt-Reaktoren mit der Technik aus den 80er Jahren ist absolut unverantwortlich und daher beteiligt sich Wien aktiv am grenzüberschreitenden UVP-Verfahren", so Sima, die alle Wienerinnen und Wiener einlädt, ihren Einspruch im 30tägigen UVP-Verfahren zu übermitteln.

"Es ist unverantwortlich, dass nahe der österreichischen Grenze Risikoreaktoren gebaut werden sollen, die keinem Flugzeugabsturz standhalten", so Greenpeace-Kampagnenleiter Steffen Nichtenberger. "Zudem ist es inakzeptabel, dass sich mit der STRABAG ausgerechnet eine österreichische Firma bemüht, einen Bauauftrag für Mochovce zu bekommen. Jeder kann derzeit auf www.greenpeace.at ein Protestmail an STRABAG-Geschäftsführer Haselsteiner abschicken, und ihn gemeinsam mit Greenpeace dazu aufrufen, sich aus diesem strahlenden Geschäft mit dem Atomrisiko zurückzuziehen."

Andrea Zlatnanska, Atomexpertin von Greenpeace in der Slowakei, ergänzt: "Österreich war im Kampf gegen Atomkraft immer ein Vorbild. Wir fordern die Menschen in Wien und Österreich deshalb auf, möglichst viele Einsprüche gegen den Bau vom Mochovce zu machen. Nur gemeinsamen und grenzübergreifend mit den Menschen in der Slowakei kann der Bau dieser Risikoreaktoren verhindern werden."

"Österreich hat sich gegen Atomenergie ausgesprochen und somit eine Vorbildwirkung eingenommen. Die Risikoreaktoren Mochovce 3 und 4 dürfen nicht ausgebaut werden, die Gefahr einer Umweltkatastrophe ist zu hoch. Die Politiker, sowie jeder Österreicher und jede Österreicherin sind jetzt aufgefordert zu handeln. Wir dürfen nicht akzeptieren, dass nur unweit der Grenze eine solche Gefahr für Mensch und Tier ausgebaut wird.
Österreich hat sich gegen Atomenergie ausgesprochen, und somit auch die österreichische Wirtschaft. Ab heute haben wir alle 30 Tage Zeit, um unseren Protest gegen das wohl unverantwortlichste und gefährlichste Bauprojekt Europas zu erheben!", so Doris Rauh, Pressesprecherin der Umweltschutzorganisation GLOBAL 2000.

Die im Zuge des UVP-Verfahrens gesammelten Einsprüche werden von der MA 22 an das Umweltministerium übergeben, von dort schließlich den slowakischen Behörden übermittelt. "Ich hoffe auf breite Beteiligung der Wiener Bevölkerung, um die Sicherheitsdefizite und ungelösten Fragen zu thematisieren und den Druck auf die Betreiber und Behörden in der Slowakei zu erhöhen", so Umweltstadträtin Sima.

Unverantwortlich: Weiterbau nach über 20 Jahren

Bereits im Jahr 1981 wurde der Bau des AKW Mochovce mit 4 Blöcken des Typs WWER440/V213 in Angriff genommen; die beiden ersten Blöcke gingen 1998 bzw. 1999 in Betrieb. Für Block 3 und 4 reichten die finanziellen Mittel nicht. 1992 kam es endgültig zum Baustopp. Mit einer Baubewilligung von 1986 sollen die beiden Blöcke nun fertig gestellt werden. Eigentümer ist zu 66 % mittlerweile der italienische Energieversorger ENEL.

"Die Grundkonstruktion erlaubt keine vollständige Anpassung an den heutigen Stand von Wissenschaft und Technik. Die Möglichkeiten für Verbesserungen sind beschränkt, da die Bauwerke zu 70 % und das Equipment zu 30 % bereits fertig gestellt sind", so das Fazit einer aktuellen Studie des Österreichischen Ökologieinstituts im Auftrag der Wiener Umweltanwaltschaft, die die zentralen Sicherheitsprobleme analysiert.

Sicherheitsdefizit 1: Enorme Brandgefahr

Die unzureichende bauliche Trennung von redundanten Systemen lässt sich nachträglich nicht wesentlich verbessern. Wegen der nicht ausreichenden Trennung können wichtige Notfallsysteme von Bränden gleichzeitig zerstört werden. Dadurch besteht die Gefahr, dass ein Ereignis nicht mehr beherrscht werden kann und zu einem Kernschmelzunfall mit hohen radioaktiven Freisetzungen führt. Gleichzeitig erhöht die angekündigte Leistungserhöhung in sämtlichen Teilen der elektrischen Anlage die Brandgefahr gegenüber dem Originalzustand.

Sicherheitsdefizit 2: Erdbebengefahr

In der ursprünglichen Auslegung des WWER 440/V213 wurde die Erdbebengefahr nicht berücksichtigt. Eine Neubewertung ergab, dass der Auslegung ein Beben der Stärke VII zugrunde zu legen ist. Für die Blöcke 3 und 4 wurden etwas höhere Auslegungswerte als für die ersten beiden Blöcke angenommen, die aber ebenfalls unzureichend sind. In der Slowakei wurde angenommen, dass der Standort Mochovce in einer nicht-seismischen Zone liegt und dass ein Erdbeben nur in einer Entfernung von 50 km oder mehr auftreten kann. Experten sehen die Annahme dieser Erdbeben-Ausschlusszone kritisch; ein am Standort nicht auszuschließendes Erdbeben könnte sehr wohl relevante Schäden verursachen.

Sicherheitsdefizit 3: Fehlende Schutzhülle

Zum Schutz eines Reaktors vor einer Einwirkung von außen und zum Schutz der Umgebung vor radioaktiven Emissionen verfügen moderne Kraftwerke über einen Sicherheitseinschluss.

Das sogenannte Confinement-System des Reaktortyps WWER 440/V213 hat diese Schutzwirkungen nicht in ausreichendem Maße. Der Schutz ist lediglich für den Absturz kleiner Sportflugzeuge ausgerichtet. Bei AKW-Neubauten wird derzeit von allen relevanten Behörden - wie etwa der US-Aufsichtsbehörde oder auch der Deutschen Aufsichtsbehörde -ein Schutz vor dem Absturz großer Maschinen sowie Schutz gegen Terror und Sabotage verlangt.

Sicherheitsdefizit 4: Der Bubbler Condenser

Der WWER 440/V213 hat kein Volldruckcontainment, wie es bei den westlichen Druckwasserreaktoren Standard ist.

Stattdessen hat dieser Reaktor ein Hilfssystem zum Druckabbau bei großen Leckstörfällen, den sogenannten Bubbler Condenser. Die Sicherheitsreserven dieses Systems sind gering. Bei Versagen des Druckabbaus wird radioaktiver Dampf in die Umwelt abgegeben. Für die Blöcke 3 und 4 werden zwar Konstruktionsverbesserungen geplant, durch eine Leistungserhöhung könnte der durch die Nachrüstungen gewonnene Sicherheitszuwachs aber wieder verloren gehen.

Sicherheitsdefizit 5: Hohe Komplexität durch Nachrüstung

Die vielen Maßnahmen zur Nachrüstung erhöhen die ohnehin schon immense Komplexität eines Kernkraftwerks erheblich. Das kann im Ernstfall etwa dazu führen, dass durch fehlerhafte Ansteuerung erforderliche Sicherheitssysteme nicht oder nur teilweise zur Verfügung stehen. Für das Personal ist es zudem extrem schwierig, in eine derart komplexe Anlage einzugreifen.

Sicherheitsdefizit 6: Völlig veraltete Teile

Viele Komponenten in Block 3 und 4 sind mehr als 20 Jahre alt. Der Zustand der bereits installierten Komponenten ist erheblich schlechter, als der jener, die über die Jahre in der Lagerhalle aufbewahrt wurden. Die Prüfung der Bauten und Reaktor-Komponenten ergab, dass einige Maßnahmen zur Wiederherstellung erforderlich sind. Die bisherige nur stichprobenartig durchgeführte Bauteilprüfung in Kombination mit der geplanten Verringerung der Prüffrequenz ist ein gefährliches Spiel, dass die Wahrscheinlichkeit vergrößert, Fehler nicht rechtzeitig zur erkennen.

UVP-Verfahren läuft bis zum 6. Oktober

o Alle Infos und Unterschriftenlisten zum download auf www.natuerlich.wien.at

(Schluss) vor

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