Wiener Zeitung: Unterbergers Tagebuch: "Morbus politicus"

Ausgabe vom 4. September 2009

Wien (OTS) - Fast ein neues Königgrätz: Die AUA ist endgültig deutsch. Dennoch ist bis heute kein Hauch eines Schuldeingeständnisses zu hören. Nicht vom Betriebsrat, der lange überhöhte Gehälter verteidigt hat. Nicht von den Sozialpartner-Chefs, die Vagn Sörensen beim letzten ernsthaften Sanierungsversuch in den Rücken gefallen sind. Nicht von jenen Politikern, die eine rechtzeitige, sanfte Privatisierung abgelehnt haben. Nicht von Rudolf Streicher, der einst der AUA die verschuldete Lauda-Air aufs Auge gedrückt hat. Nicht von den Managern, die ihre Warnrufe in Sachen AUA lediglich als Warngeflüster in taube Politikerohren befördert haben.

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Am Morbus politicus (auf Deutsch: wahnhafter Glaube an Verstaatlichung und Gewerkschaft) sind einst auch Länderbank und Bawag verstorben. Daran wird man erinnert, wenn man die Skizzen der unfassbaren Verschandelung sieht, die nun deren ehemaligen stolzen und schönen Hauptquartieren angetan werden soll. Seit dem Abgang Helmut Zilks und Jörg Mauthes gibt es in dieser Stadt niemanden mehr, der auf ihre ererbte Schönheit aufpasst. Daher haben solche Attacken beklemmend gute Chancen auf Verwirklichung.

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Apropos Gewerkschaft: Es ist erheiternd, mit welcher Inbrunst die deutschen Arbeitervertreter Frank Stronach als den einzig denkbaren Retter für Opel anbeten. Denn für die hiesigen Gewerkschaften war Stronach noch vor kurzem der Leibhaftige. Und die oberösterreichische SPÖ hat einen ganzen Wahlkampf mit der Angst vor einer Übernahme der Voest durch Stronach geschlagen.

So schnell wird man in der Krise vom Teufel zum Heiland.

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Täglich wird deutlicher, dass Ostasien klarer Sieger der Wirtschaftskrise ist. Und was tun Europa und Österreich? Sie diskutieren intensiv: Aktientransaktionssteuern, Aktiengewinnsteuern, Abbau des Bankgeheimnisses, Limits für Managergehälter und der Boni von Bankern. Was werden die künftigen Steuerpflichtigen da tun? Bloß jammern und zahlen oder mit so viel Geschäft wie möglich nach Schanghai, Singapur oder Hongkong wechseln?

Offenbar tut man ganz bewusst alles, damit uns China nicht erst in zehn Jahren überholt.

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