Massive Kritik der ARGE Bundeslehrer an Ministerin Schmied "Viele Ankündigungen, aber nichts wird zu Ende geführt"

Wien (OTS) - In der Schulpolitik kündigt sich ein heißer Herbst an. Schuld daran geben die Lehrergewerkschaften unisono der Ministerin: Sie baue ähnlich wie bei Dreharbeiten für einen Wildwest-Film mit ihren Ankündigungen "schulpolitisch nur Fassaden auf, aber nichts wird durchgezogen. Sie geht bei keinem ihrer Großprojekte in die Tiefe und führt Gespräche mit den betroffenen Lehrern nur dann, wenn es gar nicht mehr anders geht", fassten die Vorsitzenden der BMHS- und der AHS-Lehrergewerkschaften, Prof. MMag. Jürgen Rainer und Prog. Mag. Eva Scholik ihre Kritik am Donnerstag bei einer Pressekonferenz zusammen, welche die ARGE Bundeslehrer gab (Arbeitsgemeinschaft der Gewerkschaften der Lehrerinnen und Lehrer an den berufsbildenden mittleren und höheren Schulen/BMHS sowie an den allgemein bildenden höheren Schulen/AHS). Scholik und Rainer sowie dessen Stellvertreter Prof. Mag. Stefan Wenka listeten in Folge zahlreiche konkrete Kritikpunkte auf.

Nachdrücklich forderten die Lehrergewerkschafter, dass sich Ministerin Dr. Claudia Schmied "mit uns an einen Tisch setzen soll, um endlich die anstehenden Probleme zu lösen und nicht ständig neue Baustellen aufzumachen, aber nichts zu Ende zu führen."

Erfolgreiche Individualisierung des Unterrichtes stoppt nach 1. Klasse

Die Individualisierung des Unterrichts an den ersten Klassen der BMHS und der AHS-Oberstufe war "sehr erfolgreich", sei durchaus positiv verlaufen und habe gegriffen, betonte Rainer: So konnte die drop-out-Quote deutlich gesenkt werden, es gab viel weniger negative Noten und die Schüler benötigten meist keine Nachhilfe. Allerdings habe diese erfolgreiche Individualisierung, die in den Klassen mit mehr als 30 Schülern stattfand, dazu geführt, dass auch in den Folgeklassen wieder mehr als 30 Schüler sind. Dort gibt es aber keine Individualisierung mehr, wodurch das Problem lediglich aufgeschoben wurde. Rainer: "Damit bleibt die Individualisierung ein Schlagwort, man führt die Sache nicht zu Ende!" Dabei würde eine Fortführung nur knapp drei Millionen Euro kosten, bei derzeitigen Kosten der Individualisierung von 10,2 Mio. Rainer sprach sich "im Interesse der Schüler und zu deren Wohl" nachdrücklich für eine Fortführung der Individualisierung aus.

Scholik: "Schmied hat aus Vorjahrs-Chaos nichts gelernt"
Billige Politik auf Rücken der Lehrer statt Bildungs-Konzepte mit Zukunft

"Schmied hat aus dem von ihr verursachten Chaos des vergangenen Schuljahres offenbar nichts gelernt. Denn anders ist es nicht zu erklären, dass sie den 120.000 Lehrerinnen und Lehrern ihre Vorstellungen über ein grundsätzlich neues Lehrerdienstrecht über die Medien ausrichtet, anstatt zuvor mit uns Lehrervertreterinnen und -Vertretern einen konstruktiven Dialog zu suchen", stellte Scholik "mit Verwunderung und Bedauern" fest. Resümee Scholiks:
"Bildungssystem und Lehrer sind der Frau Ministerin offensichtlich völlig egal, sonst würde sie auf unsere Ideen und Vorschläge nicht verzichten. So macht sie aber einfach nur billige Politik auf dem Rücken der Lehrerinnen und Lehrer anstatt Konzepte für eine Bildung mit Zukunft."

"Wenn Ministerin Schmied erklärt, dass sie das neue Dienstrecht erst nach den Lehrerwahlen mit uns besprechen will, dann hofft sie offenbar auf geänderte Mehrheitsverhältnisse in der Lehrervertretung", vermutet Scholik. Dies zeige erst recht, "dass Schmied offenbar kein Gespür für die Stimmung in den Konferenzzimmern hat." Aber nicht nur die fehlende Gesprächskultur, sondern auch die inhaltlichen Aussagen Schmieds zum "Neuen Dienstrecht" lösen bei der Vorsitzenden der AHS-Gewerkschaft Erinnerungen an das vorige Schuljahr aus: "Wer glaubt, Lehrerinnen und Lehrer ganztägig ins Konferenzzimmer pferchen und im Umweg über eine Erhöhung der Lehrverpflichtung Einsparungen erzielen zu können, wird auch in Zukunft auf dem bildungspolitischen Holzweg sein", richtet Scholik der Unterrichtsministerin aus.

Schmied säumig auch bei Lehrplänen für neue Reifeprüfung

Dabei hätte Schmied laut Scholik viel Dringendes zu erledigen:
"Die Klassenschülerhöchstzahl 25 ist in der Unterstufe noch immer nicht zufrieden stellend umgesetzt und für die Oberstufe überhaupt nicht vorgesehen. Und wo bleibt die schon so oft angesprochene Entlastung der Lehrerinnen und Lehrer von bürokratischen Tätigkeiten?" Die Umsetzung der Klassenschülerhöchstzahl 25 bezeichnete Scholik als "großes Anliegen", tatsächlich hätten aber die Hälfte der Unterstufenkassen mehr als 25 Schüler.

Säumig sei die Ministerin auch bei der Vorbereitung der verkündeten Matura-Reform: "In einem Jahr brauchen die Oberstufenschülerinnen und -Schüler die zur neuen Reifeprüfung passenden Lehrbücher. Aber die Ministerin hat noch nicht einmal die Lehrplangruppen einberufen. Wie soll es da rechtzeitig zu den neuen Lehrplänen als Grundlage für die Bücher kommen?" hegt Scholik berechtigte Zweifel an der termingerechten Fertigstellung.

Gewerkschaftliche Kampfmaßnahmen im IT-Bereich
EDV-Arbeit der IT-Kustoden: Jetzt Dienst nach Bezahlung

Obwohl die Arbeit der IT-Kustoden (EDV-Einsatz) in den Schulen dramatisch angestiegen ist, wurde eine nach zweijährigen Verhandlungen mit der Ministerin getroffene Vereinbarung betreffend eine gerechte Abgeltung dieser Arbeiten von der Bundesregierung nicht eingehalten. Die BMHS-Gewerkschaft hat deshalb gestern einstimmig beschlossen, die IT-Kustoden aufzufordern, bis auf weiteres nur mehr jene Tätigkeiten durchzuführen, für die sie eine entsprechende zeitliche Abgeltung erhalten.

Wenka stellte die nahezu beschämende Sachlage anhand eines konkreten Beispieles einer IT-Betreuung an einer Wiener HAK/HAS dar:
Für 1.500 Schüler und 150 Lehrer gibt es 263 PC, 10 Server, 23 Netzwerkdrucker, 17 Beamer, 14 Notebooks, 60 Notebooks für IT-Klassen, WLAN mit 5 Accesspoints, eine eigene E-Mailadresse und Internetzugang für jeden Schüler, insgesamt sind ca. 2000 Accounts zu verwalten. Für die Betreuung dieser gesamten IT-Infrastruktur steht allerdings lediglich ein halber Dienstposten (20 Wochenstunden) zur Verfügung, klagte Wenka. Demgegenüber gebe es etwa in Italien für jeden IT-Raum einen eigenen Betreuungslehrer. Tatsächlich leisten die IT-Kustoden in Österreich weit mehr als die bezahlten 20 Wochenstunden, betonte Rainer: "Das sind echte Freaks, die für diese Sache aufgehen, einige haben sich dort sogar einen Schlafplatz eingerichtet! Denen nur 20 Stunden abzugelten, ist brutale Ausbeutung!" Zum Vergleich: Im Unterrichtsministerium gibt es bei ca. 800 Mitarbeitern eine eigene IT-Ateilung.

Forderung nach schulpsychologischer Betreuung

Kritik hagelte es seitens der ARGE Bundeslehrer auch an der mangelnden schulpsychologischen Betreuung: Laut einer Statistik (Schulleiterfragebogen TALIS 2008) ist an österreichischen Schulen die Ausstattung mit pädagogisch-unterstützendem Personal OECD-weit am schlechtesten. Deren Arbeit soll laut Rainer "einsetzen, wenn bei einem Schüler eine Krisensituation ausbricht". Dazu sei allerdings speziell geschultes Personal erforderlich. Ministerin Schmied habe zwar 80 Dienstposten dafür in Aussicht gestellt und 35 zugesagt, "aber das ist viel zu wenig und in Wirklichkeit kommt gar keiner." Und dies für 330 AHS-Standorte und ca. 400 BHS. Anhand eines praktischen Beispieles zeigte Rainer die Notwendigkeit einer auf: Bei einem drohenden Suizidfall hatte der einzige ausgebildete Betreuer des gesamten Bezirkes erst nach sechs Wochen Zeit. Als "eine der Möglichkeiten" zu einer Besserung der Lage bezeichnete Rainer eine Weiterspezialisierung der Schulärzte. (schluss)

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BMHS-Gewerkschaft, Tel.: 01 / 533 63 35
AHS-Gewerkschaft, Tel.: 01 / 405 61 48

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