• 24.08.2009, 17:49:30
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Wiener Zeitung: Unterbergers Tagebuch: "Schweizer Lehren"

Ausgabe vom 25. August 2009

Wien (OTS) - Es ist recht lehrreich, bisweilen einen Blick in die
Schweiz zu werfen. Dabei wird der eigenwillige Nachbar einmal zum
abschreckenden Beispiel, das andere Mal aber zum überaus
nachahmenswerten.

Außenpolitisch wird das Land derzeit doppelt gedemütigt: Zum einen
glaubte Bundespräsident Merz (pikanterweise ohne Genehmigung durch
die Regierung), sich beim libyschen Diktator Gaddafi entschuldigen zu
müssen; Genfer Polizisten hatten einen Gaddafi-Sohn nach der
Misshandlung einer Angestellten kurzfristig festgenommen - nach
allem, was man weiß, allerdings völlig zu Recht.

Jedoch war die Schweiz den folgenden Repressalien Gaddafis völlig
hilflos ausgesetzt: Einige Schweizer wurden als Geiseln genommen; die
Wirtschaftsbeziehungen wurden abgebrochen. Kluge Schweizer meinen,
dass eine EU-Mitgliedschaft dem Land eine bessere Position gegenüber
Gaddafis Faustrecht verschafft hätte (ähnlich wie im Fall der von ihm
unter absurden Anschuldigungen verhafteten bulgarischen
Krankenschwestern).

Ähnlich alleine standen die Eidgenossen auch den Pressionen der
USA gegenüber. Diesen muss sie nun die Bank-Daten Tausender
Amerikaner ausliefern, die über Schweizer Banken die US-Steuer zu
umgehen versucht hatten. Prompt werden daraufhin Milliarden aus der
Schweiz abgezogen.

Dennoch können die Schweizer Banken zugleich auch als positives
Beispiel dienen: Sie haben schon wieder sämtliche Krisenhilfen der
Regierung zurückgezahlt. Samt 30-prozentiger Rendite binnen eines
Jahres. Sollte nicht auch in Österreich baldigst Ähnliches
stattfinden? Selbst wenn bei uns keine so hohen Renditen vereinbart
worden sind.

Dafür wollen die Schweizer Banken wieder fette Boni und Prämien an
Mitarbeiter zahlen. Was bei uns zu einem gewaltigen Aufschrei fast
aller Gutmenschen führen würde. Doch haben die Schweizer gute Gründe:
Der Prämienstopp hat die besten Mitarbeiter, oft in ganzen Rudeln, zu
Konkurrenzbanken etwa aus Hongkong und Singapur vertrieben. Dort
kennt man keine Neid-und-Moral-Debatten. Die Bonus-Flüchtlinge nahmen
dabei meist auch noch besonders attraktive Kunden mit.

Eine interessante Lehre: Offenbar sind zumindest manche
Bankmitarbeiter ihre sagenhaften Gagen wirklich wert. Und der bei uns
so dominierende Neid ist meist ein schlechter Ratgeber.

http://www.wienerzeitung.at/tagebuch

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Wiener Zeitung
Sekretariat
Tel.: 01/206 99-478
mailto:redaktion@wienerzeitung.at

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