Wiener Frauenhäuser 2008: Schutz für 557 Frauen und 514 Kinder

Frauenberger: "Frauenhäuser sind leider noch immer unverzichtbar"

Wien (OTS) - In Wien finden Opfer familiärer Gewalt ein hervorragend ausgebautes und europaweit vorbildhaftes Netz von Hilfs-, Beratungs- und Betreuungseinrichtungen. Vor allem die vier Frauenhäusern und die ambulante Beratungsstelle des Vereins Wiener Frauenhäuser sind unverzichtbare Bestandteile der städtischen Gewaltschutzarbeit. Einrichtungen wie der 24-Stunden-Frauennotruf der Stadt Wien, zahlreiche Mädchen- und Frauenberatungsstellen sowie die Wiener Interventionsstelle gegen Gewalt in der Familie leisten einen wichtigen Beitrag zur Unterstützung von Gewaltopfern. In einer gemeinsamen Pressekonferenz am Mittwoch zogen Frauenstadträtin Sandra Frauenberger, die Vorsitzende des Vereins Wiener Frauenhäuser, Gemeinderätin Martina Ludwig-Faymann und die Geschäftsführerin des Vereins Andrea Brem Bilanz über das Jahr 2008: 557 Frauen wurden im Vorjahr in den vier Wiener Frauenhäusern mit ihren 514 Kindern betreut. Insgesamt wurden 62.408 Aufenthaltstage gezählt.****

Rund 38 Prozent der Frauen nutzten das Frauenhaus im Vorjahr für einen kurzen Aufenthalt von bis zu zwei Wochen, 51 Prozent blieben ein halbes Jahr und etwa 12 Prozent mussten die Sicherheit des Frauenhauses länger in Anspruch nehmen.

Zusätzlich fanden in der Beratungsstelle des Vereins Wiener Frauenhäuser, wo sich Frauen hinwenden, die von Gewalt betroffen sind, aber nicht in ein Frauenhaus wollen, 8.958 Beratungskontakte statt, davon 1.658 persönliche Kontakte. Hier erhalten die Frauen kostenlos - bei Bedarf auch anonym - Beratung und Begleitung zu Polizei und Gerichten.

In Wien finden Frauen mit Gewalterfahrung auch nach dem Aufenthalt im Frauenhaus spezielle Hilfe: In mittlerweile 40 Wohnungen betreut der Verein Wiener Frauenhäuser Frauen, die zwar nicht mehr so bedroht sind, dass sie den Schutz des Frauenhauses benötigen, aber noch etwas Zeit brauchen, um sich psychisch zu festigen oder ihre selbstständige Existenz aufzubauen. In diesen Übergangswohnungen, wo Frauen auch rechtliche und psychosoziale Unterstützung erhalten, fanden 2008 71 Frauen mit ihren 77 Kindern einen betreuten Wohnplatz. Aufgrund der großen Nachfrage wird die Zahl dieser Wohnungen aufgestockt. "Im Jahr 2010 werden wir bereits 50 Wohnungen für die professionelle Nachbetreuung haben", kündigte Frauenstadträtin Sandra Frauenberger an.

Trend 09: Die Nachfrage steigt

Im Vergleich zum ersten Halbjahr 2008 hat der Zulauf zu den Frauenhäusern im ersten Halbjahr 2009 zugenommen. In den ersten sechs Monaten des heurigen Jahres wurden mit 274 Frauen um 26 Frauen mehr aufgenommen als im Vergleichszeitraum des Vorjahres (248 Frauen). Auch die Zahl der aufgenommenen Kinder ist in den ersten sechs Monaten dieses Jahres gestiegen. Wurden im ersten Halbjahr 2009 213 Kinder mit ihren Müttern in ein Frauenhaus aufgenommen, waren es heuer 260. Auch die Aufenthaltstage der Frauen und Kinder sind im ersten Halbjahr 2009 auf 30.959 gestiegen (Aufenthaltstage 1. Halbjahr 2008: 30.764).

Etwa ein Drittel aller Frauen, die in Österreich Zuflucht in einem Frauenhaus suchen, tun dies in Wien. "Im Schutze der städtischen Anonymität trauen sich Frauen eher, Hilfsangebote anzunehmen als im ländlichen Bereich, wo eine Flucht ins Frauenhaus im ganzen Dorf bekannt wird. Gleichzeitig zeigt diese Zahl aber auch, dass es uns in Wien gelungen ist, die Frauenhäuser gut bekannt zu machen und diese Einrichtungen auf Grund ihrer hohen Professionalität große öffentliche Akzeptanz genießen", erklärt die Frauenstadträtin.

Über 2.700 Notrufe gingen im Jahr 2008 am rund um die Uhr besetzen Notruf der Wiener Frauenhäuser ein. Frauen werden beim Notruf beraten, an andere Einrichtungen oder an die Beratungsstelle weitervermittelt oder es kommt zu einer Aufnahme im Frauenhaus. Die Telefonnummer des Frauenhaus-Notrufes lautet 05 77 22. "Diese Nummer kann gar nicht oft genug veröffentlicht werden", so Frauenberger.

"Frauenhäuser sind leider unverzichtbar"

Rund 20 Prozent der Frauen, die ins Frauenhaus kommen, geben an, durch die Polizei oder die Interventionsstelle gegen Gewalt an das Frauenhaus vermittelt worden zu sein. Dies, so Frauenberger, mache deutlich, dass trotz der Möglichkeiten der Polizei, den Täter wegzuweisen und ein Betretungsverbot zu verhängen, viele Frauen die Sicherheit eines Frauenhauses brauchen. "Ich wäre glücklich, wenn es anders wäre: Aber Frauenhäuser sind unerlässlich und nicht wegzudenken, das belegen leider unsere Auslastungszahlen", so die Frauenstadträtin.

"Gegenwind haben die Frauenhäuser immer gehabt", so Frauenberger angesichts der derzeit in Deutschland laufenden Kampagne einiger Männer für die Abschaffung von Frauenhäusern, weil diese ein "Ort des Männerhasses" seien. Auch Johanna Dohnal habe im Jahr 1978 bei der Gründung des ersten Frauenhauses viel Kritik einstecken müssen. "Es geht den Frauenhäusern nicht darum, gegen Männer mobil zu machen. Aber Fakt ist, dass bei familiärer Gewalt in überwältigender Mehrzahl Frauen und Kinder die Opfer und Männer die Täter sind", so Frauenberger.

Abhängigkeit erschwert Ausstieg aus Gewaltspirale

Frauen, die von ihrem Partner ökonomisch abhängig sind, laufen erfahrungsgemäß eher Gefahr, Gewalt zu erleben und es fällt ihnen oft schwerer, sich aus einer Gewaltbeziehung zu lösen. Die Frauen bei der Sicherung ihrer Existenz zu unterstützen, ist daher eine wichtige Aufgabe der Mitarbeiterinnen der Frauenhäuser. Waren 2008 165 von 557 Frauen beim Einzug ins Frauenhaus ohne jedes Einkommen und somit zur Gänze ökonomisch abhängig von ihrem Mann, so waren es beim Auszug aus dem Frauenhaus nur noch 112 Frauen. Bei 53 Frauen ist es den Expertinnen im Frauenhaus also gelungen, die Frauen in eine finanzielle Unabhängigkeit vom (Ex)-Partner zu führen (Erwerbstätigkeit, öffentliche Gelder bzw. Ansprüche).

79 Prozent der Frauen erlebten körperliche Gewalt

Im vorigen Jahr wurden 445 Frauen in den Wiener Frauenhäusern sehr detailliert zu ihrer Gewaltbetroffenheit befragt. Die Antworten wurden schriftlich erfasst und ausgewertet. In dieser Befragung gaben 79 Prozent der Frauen an, körperliche Gewalt erlebt zu haben. 18 Prozent von ihnen erlitten so starke Gewalt, dass sie schwere Verletzungen, Schnittwunden, Brüche oder innere Verletzungen davon trugen. 86 Prozent waren psychischer Gewalt ausgesetzt (heftige und häufige Beschimpfungen, Sachbeschädigungen, Schlafentzug etc.). 68 Prozent der Frauen sprachen zudem von ständiger Kontrolle oder Isolation. 74 Prozent der Frauen wurden mit körperlicher Gewalt, Kindesentführung, Mord- und Selbstmorddrohungen bedroht und genötigt. 20 Prozent der Frauen gaben an, von sexualisierter Gewalt betroffen zu sein. Sie wurden vergewaltigt oder zu unerwünschten sexuellen Handlungen gezwungen.

Migrantinnen in der Abhängigkeitsfalle

27 Prozent der Frauen gaben in der Befragung an, dass sie Gewalt im Zusammenhang mit ihrem Aufenthaltstitel erfahren haben. Mit Drohungen wie "ich schick dich heim", "ich unterstütze deinen Aufenthaltsantrag nicht", "du darfst nicht arbeiten gehen" oder "du darfst nicht deutsch lernen" wurden diese Frauen unter Druck gesetzt. "Die Angst vor dem Verlust der Aufenthaltsberechtigung in Österreich oder davor, ohne Geld dazustehen, macht es für Migrantinnen besonders schwer, sich aus einer gewalttätigen Beziehung zu lösen. "Deshalb brauchen wir endlich einen eigenen Aufenthaltstitel für Frauen und die Harmonisierung von Aufenthaltsrecht- und dem Recht zu arbeiten", appelliert Frauenberger an die zuständige Innenministerin.

39 Frauen (7 Prozent) haben 2008 im Frauenhaus auf Grund von drohender oder bereits erfolgter Zwangsverheiratung Zuflucht gesucht. "Dies macht deutlich, dass die Frauenhäuser auch für diese Zielgruppe eine wichtige Anlaufstelle darstellen", so Frauenberger.

Hilfe für traumatisierte Kinder

Doch nicht nur die Frauen mussten Gewalt erleben, auch viele der Kinder haben Gewalt erfahren oder aber waren ZeugInnen der Gewalt. "Das Miterleben von Gewalt kann auf Kinder gleichermaßen traumatisierend wirken wie selbst erlebte Gewalt", so Martina Ludwig-Faymann.

12 Prozent oder 67 Frauen wurden 2008 über das Jugendamt an ein Frauenhaus verwiesen, "Das macht deutlich, dass Frauenhäuser auch einen wesentlichen Beitrag zum Kindesschutz leisten. Die Sicherheit und das Wohl der Kinder stehen dabei immer an erster Stelle. In den Frauenhäusern gibt es auf die Arbeit mit Kindern spezialisiertes Personal, das den Kindern bei der Aufarbeitung der furchtbaren Gewalterfahrungen hilft", so Ludwig-Faymann.

Mal- und Reittherapie, Pädagogisches Theater und Shiatsu für Kinder wird ebenso angeboten, wie eine Therapeutische Bubengruppe, die von männlichen Therapeuten geführt wird. Besonders auffällige oder traumatisierte Kinder werden an PsychotherapeutInnen weiter vermittelt.

Strafverfahren werden vermehrt niedergelegt

Geschäftsführerin Andrea Brem verweist darauf, dass viele jahrelang eingeschüchterte Frauen nicht den Mut aufbringen, ihre gewalttätigen Männer anzuzeigen. Frauen, die den Gewalttäter nicht angezeigt haben, könnten in Folge jedoch mit keiner Unterstützung in Zivilverfahren rechnen, etwa wenn es um die Scheidung oder die Obsorge gehe. "Hier sind besonders die FamilienrichterInnen aufgerufen, genau hinzuschauen und zu prüfen, ob Gewalterfahrungen glaubhaft gemacht werden können, auch wenn keine Anzeige erfolgt ist. Wenn dies nicht passiert, laufen wir Gefahr, dass es zu Opfern erster und zweiter Klasse kommt", so Brem.

Außerdem beobachtet die Geschäftsführerin des Vereins Wiener Frauenhäuser, dass immer mehr Strafverfahren, bei denen es um familiäre Gewalt geht, von der Staatsanwaltschaft eingestellt werden. Diese Entwicklung hat der Verein, der Gewaltopfern auch juristische und psychosoziale Prozessbegleitung anbietet, beobachtet. "Wurden im Jahr 2003 etwa 17 Prozent der von uns begleiteten Verfahren durch die Staatsanwaltschaft eingestellt, so waren es 2008 bereits 27 Prozent." Dies sei eine Besorgnis erregende Entwicklung, zumal auch die Verurteilungsrate deutlich gesunken sei.

Schließlich fordert die Expertin: "Wollen wir in unserem Anliegen um Schutz und Sicherheit für die betroffenen Frauen und Kinder vorankommen, müssen wir auch die Täterarbeit weiter ins Zentrum der öffentlichen Aufmerksamkeit und Bemühungen rücken - aber das darf natürlich nicht zu Lasten des Opferschutzes gehen." (Schluss) lac

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