"Kleine Zeitung" Kommentar: "Am Wendepunkt" (Von Thomas Götz)

Ausgabe vom 15.08.2009

Graz (OTS) - "Generation Krise" haben wir unsere Serie über junge Menschen in Österreich genannt. Das suggeriert Gemeinsamkeit, ein übergreifendes Lebensthema für Menschen, die gleich alt sind.
Die Biographien, die wir in den letzten Tagen präsentiert haben, sprechen aber eine andere Sprache. Eine bunte Vielfalt lebensfroher Menschen lachte da aus der Zeitung. Was verbindet diese Leute außer ihrem Alter?

Am auffallendsten ist das Fehlen großer Utopien, anders gesagt von Illusionen. Sie formulieren erreichbare Hoffnungen, meistens private, selten politische. Die große Weltrenovierung steht nicht auf dem Programm. Man mag das als Biedersinn belächeln oder als pragmatisch rühmen.Generation Schrumpfung könnte man sie nennen. Schrumpfen ist schwerer als wachsen. Wer hat, der gibt nicht gern. Das gilt weltweit bei der Umverteilung von Arbeit, wie sie die Globalisierung nach sich zieht. Das gilt im eigenen Land zwischen den Generationen.

Die Krise entstand, weil die Finanzmodelle nur auf Wachstum ausgelegt waren. Als dieses plötzlich ausblieb, stimmten die Berechnungen nicht mehr, das Kartenhaus fiel zusammen.

Auch unser Sozialsystem baut auf Wachstum auf. Noch ist es nicht zusammengestürzt, aber es knistert im Gebälk. Pensionen werden von der nächsten Generation bezahlt. Die ist aber zahlenmäßig geringer als die ältere. Außerdem lassen wir, die Älteren, sie nicht in den Arbeitsmarkt. Das schadet gleich doppelt: Die Jungen kommen nicht ins System von Sicherheiten hinein, das sie eigentlich tragen sollten. Das nimmt ihnen die Perspektive, die ihre Eltern noch motiviert hatte, das reißt zugleich ein Loch in die Kassen, die ihre Eltern erhalten.

Es ist zum ersten Mal so, dass Kinder weniger zu erwarten haben als ihre Eltern. Nach dem Zweiten Weltkrieg war es selbstverständlich, zu hoffen, dass die nächste Generation ein besseres Leben haben würde als ihre Eltern. Heute ist das umgekehrt. Die Neid-Debatte hat einen neuen Namen: Generationenkonflikt.

Wer die Biographien der Jugendlichen gelesen hat, kann sich ein Bild machen von dem Potenzial, das hier brachliegt. In gewisser Weise ist die Serie selbst ein Beispiel dafür. Alle vier Kolleginnen, die sie entworfen und umgesetzt haben, hoffen auf Anstellung und wissen, dass die Krise sie in weitere Ferne rückt.

Einen Vorteil hat die Lage: Alles Gewohnte steht auf dem Prüfstand. Das Wort von wohlerworbenen Rechten ist obsolet, sobald diese nicht mehr für alle gelten. Werden sie nicht neu verhandelt, wird der Verteilungskampf ruppig.****

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