"Die Presse" - Leitartikel: Höchstens wechseln ein paar Paradigmenlein, von Michael Prüller

Ausgabe vom 14.08.2009

Wien (OTS) - Positive Konjunkturdaten nähren die Hoffnung - oder Befürchtung -, dass der ganz große Crash ausbleibt.

Wer auf einen Paradigmenwechsel in der Wirtschaft gehofft hat und nun angesichts positiver Konjunktursignale befürchtet, die Krise könnte schon zu Ende sein, bevor sie weh genug getan hat, um die Marktwirtschaft mit ihren multinationalen Kapitalgesellschaften hinwegzuraffen, der möge sich beruhigen: Die Krise ist noch lange nicht vorbei. (Dass ihm das nichts nützt, dazu kommen wir gleich.) Dass etwa in Frankreich und Deutschland die Wirtschaft im zweiten Quartal nicht mehr weitergeschrumpft ist, dass in Amerika und Großbritannien die Zahlen nicht ganz so schlecht sind wie erwartet, und dass in den baltischen Ländern nach einem brutalen Kahlschlag ein paar Pflänzchen grünen, sind erste Anzeichen für ein Ende des Abschwungs, aber nicht der Krise. So wie das Ende einer schweren Krankheit nicht schon in Sicht ist, wenn das Fieber von 40,4 auf 40,3 Grad sinkt.
Im Gegenteil: Dass der Aufschwung viel Schwung haben wird, ist unwahrscheinlich. Der der Krise zugrunde liegende Verlust an Vertrauen ist noch lange nicht vorbei. Vertrauen ist aber ein unverzichtbares Betriebsmittel für jede Ökonomie (außer für die Kommandowirtschaft). Und dann gibt es noch all die Phänomene, die eine Rekonvaleszenz typischerweise erschweren: In den nächsten Monaten werden sich die Insolvenzen häufen. Das wird den Banken, die ohnehin erst auf dem Weg der Genesung sind, zu schaffen machen. Gleichzeitig wird es immer wieder zu weiteren lokalen Investitionsblasen kommen, weil ja noch viel Geld vorhanden ist, das irgendwo (fehl-)investiert werden will. Andererseits fehlt für viele wichtige Projekte, gerade im Osten, die Finanzierung, weil das allen Banken zu heiß ist. Dazu kommt noch, dass allerorten Steuererhöhungen anstehen. Dann gibt es da noch die ansteigenden Rohstoffpreise, die die Inflation anheizen könnten usw. usf.
Im günstigsten Fall sind die Erfolgsmeldungen von der Konjunkturfront immerhin ein Indiz dafür, dass die ganz große Katastrophe unwahrscheinlich geworden ist. Es könnte tatsächlich wieder aufwärtsgehen, aber nicht in gerader Linie, sondern in holprigen Auf-und Abbewegungen. Ist das nun ein Segen oder eben gerade nicht, weil die heilsame Katharsis dadurch ausbleibt? Nun, genauso wie die Befürchtung, eine schwere Rezession würde uns wie in den 30er-Jahren dem Faschismus oder dem Kommunismus in die Arme treiben, war auch die Hoffnung, aus einem Zusammenbruch des Kapitalismus würde eine korporative Kleingewerbewelt entstehen, mit gerechten Löhnen und Arbeit für alle, von vornherein unrealistisch.
Die Depression der 30er-Jahre hat ja vor einem viel düstereren politischen Hintergrund mit jeder Menge von terrorumsäumten sozialen und nationalen Konflikten stattgefunden und trotzdem nur jene Länder in die Diktatur kippen lassen, denen der Kriegsausgang eine tiefe Identitätskrise beschert hat. Warum aber sollte eine Wirtschaftskrise in Zeiten gefestigter Demokratien und verlässlich eingeübter gewaltloser Interessenausgleiche ebenso schnurstracks in den Totalitarismus führen?
Die Hoffnung auf eine friedliche Entwicklung zu einer ganz anderen Art von Wirtschaften hat sich überhaupt noch nach keiner Krise irgendwo erfüllt. Und gerade die Art der letzten Jahrzehnte war zu erfolgreich im Schaffen von Massenwohlstand, um einen freudigen Aufbruch zu unbekannten Ufern zu provozieren. Ohne politischen Paradigmenwechsel wird es daher auch keinen wirtschaftlichen geben.

Möglicherweise bleiben aber sogar die anvisierten bescheidenen Adaptionen der Weltwirtschaft unerledigt, wenn der Absturz nicht mehr weitergeht. Und ganz ehrlich gesagt: So schlimm wäre das auch nicht. Die Notenbanken geben ohnehin nicht zu, dass ihre Politik des billigen Geldes der letzten Jahre verheerend war, die geschreckten Banken werden noch lange Zeit vorsichtiger sein als jeder Regulator, und was eine europäische Ratingagentur bringen soll, wo es in den amerikanischen von europäischen Mitarbeitern eh nur so wimmelt, ist sowieso fraglich.
Viel spannender ist da eine andere Sache: In Europa und den USA beruhen das politische wie das wirtschaftliche System auf der Freiheit des Einzelnen, des Wählers, des Konsumenten, des Produzenten, des Händlers. Solche Systeme haben kein anderes Ethos als das der Einzelnen. Nachdenkenswert ist also, was man tun kann, damit sich die Menschen den Anforderungen der Freiheit weiterhin in großer Mehrheit gewachsen zeigen. Denn dann ist das System unschlagbar. Andernfalls kann auch die Freiheit absterben, aber eben nicht in Folge einer einschneidenden Katastrophe, sondern, weil wir sie schlicht verschlampen.

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