WirtschaftsBlatt-Leitartikel: Der europäische Patient ist außer Lebensgefahr - von Michael Laczynski

Doch von einer Genesung mag noch niemand sprechen

Wien (OTS) - Große Erleichterung in der Notaufnahme: Der Patient reagiert auf die Wiederbelebungsversuche der behandelnden Ärzte. Das Herz schlägt, die Atmung scheint zu funktionieren, durch den Kreislauf wird wieder Blut gepumpt. Die unmittelbare Lebensgefahr ist gebannt - doch ob der Kranke ohne bleibende Schäden davonkommen wird, steht in den Sternen.

Wenn die europäische Konjunktur ein Fall für das Krankenhaus wäre, würde die Beschreibung der derzeitigen Lage in etwa so lauten. Die akute Gefahr eines großen Zusammenbruchs ist gebannt, im ökonomischen System fließen erneut Geld und Waren, und die zwei größten Volkswirtschaften der Eurozone, Deutschland und Frankreich, sind im abgelaufenen Quartal wieder auf Wachstumskurs eingeschwenkt. Das gesamte Euroland hat mit einem klitzekleinen BIP-Minus von 0,1 Prozent zum Vorquartal die Talsohle erreicht. In Österreich fiel das Minus zwar mit 0,4 Prozent größer aus, aber auch hierzulande zeichnet sich das Ende der Rezession ab. Wenn dieser Trend anhält, werden im Herbst richtige Frühlingsgefühle aufkommen.

Doch das ist nur der erste Teil der Diagnose. Dass der freie Fall gestoppt ist, kommt angesichts der vielen Billionen, die von Regierungen und Notenbanken in Europa und Übersee eingesetzt wurden, nicht wirklich überraschend - ein Zyniker würde an dieser Stelle wohl anmerken, dass selbst ein toter Frosch mit den Gliedmaßen zuckt, wenn der Stromstoß nur stark genug ist.

Nun wissen wir also, dass die Konjunkturprogramme in China, USA und Europa gut wirken. Wir haben allerdings nicht den blassesten Schimmer, wie die Weltwirtschaft auf das Auslaufen dieser Hilfspakete reagieren wird: Kann sie die Intensivstation aus eigener Kraft verlassen oder droht ein Rückfall?

Aus jetziger Sicht sind die Aussichten auf eine rasche Genesung nicht besonders gut, denn die Krise hat Nachfrage zerstört, und zwar nachhaltig: Es wird wohl Jahre dauern, bis die US-Bürger wieder in jenem Ausmaß shoppen können, wie sie es in den vergangenen Jahren getan hatten. Staatliche Konjunkturprogramme können diesen Ausfall nur kurzfristig kompensieren. Doch irgendwann muss ein anderer Konsument zur Kreditkarte greifen. Sonst heißt's wieder: Ab ins Spital!

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