"Vorarlberger Nachrichten" Kommentar: "Ansteckungsgefahr" (Von Kurt Horwitz)

Ausgabe vom 13.08.2009

Wien (OTS) - Bis zu 300.000 Erkrankungen und zwei- bis viertausend Todesfälle: Das ist nicht die Horrorprognose für den heurigen Winter, falls die "Schweinegrippe" tatsächlich epidemienartig ausbricht. Es handelt sich um eine Statistik, die die Folgen der alljährlichen Grippewelle zwischen Dezember und März in Österreich auflistet. Das renommierte deutsche Robert-Koch-Institut ist etwas zurückhaltender: Es schätzt die Zahl der Grippetoten in Deutschland "nur" auf fünf- bis fünfzehntausend; auf Österreich umgerechnet wären das immerhin 500 bis 1500 Todesfälle, die direkt oder indirekt (beispielsweise als Folge einer Lungenentzündung bei älteren, bettlägerigen Patienten) auf Grippeerkrankungen zurückzuführen sind. Die Aufregung über die Schweinegrippe scheint also vorerst ebenso übertrieben wie seinerzeit die Angst vor der Vogelgrippe oder vor BSE. Man erinnert sich noch gut: Lag irgendwo ein toter Vogel, kamen Männer in Schutzanzügen und entsorgten das Tier. Heute kümmert sich kein Mensch mehr um tote Tauben, Schwäne oder andere Vögel.

Ohne die möglichen Folgen einer Epidemie verharmlosen zu wollen: Die echte und vor allem wirtschaftliche Gefahr einer Grippewelle resultiert vorerst zumindest eher aus irrationalen Panikattacken als aus tatsächlicher Ansteckungs-, Erkrankungs- oder gar Lebensgefahr. Die Folgen von Panik können allerdings sehr wohl gravierend sein. Was passiert in einem Unternehmen, in dem ein Familienmitglied eines Mitarbeiters erkrankt? Bleibt dann die ganze Abteilung aus Angst vor Ansteckung daheim?

Passiert das, wären die Folgen für die Weltwirtschaft dramatisch. Die Produktion bricht ein und Liefertermine werden nicht eingehalten. Im Extremfall entsteht ein Schneeballeffekt, der der darniederliegenden Konjunktur einen weiteren Schlag versetzt.
Wirksamstes Gegenmittel sind psychologische Maßnahmen. Das wusste schon die damalige Gesundheitsministerin Maria Rauch-Kallat, als sie 2007 Millionen Grippeschutzmasken orderte und über den Handel zu einem Sonderpreis anbieten ließ. Sie wären im Ernstfall ziemlich nutzlos gewesen, blieben mangels Nachfrage liegen und wurden zum Millionenflop für den Steuerzahler.
Die Angst vor Panik erklärt auch die Fürsorglichkeit, mit der Großkonzerne derzeit Impfaktionen vorbereiten oder das keineswegs unumstritten wirksame Tamiflu einlagern. Im Ernstfall können die Mitarbeiter kostenlos geimpft oder behandelt werden. Das soll sie motivieren, trotz Angst vor Ansteckung weiter in die Arbeit zu kommen.

Mindestens so sinnvoll wären wesentlich weniger aufwändige Aktionen:
Regelmäßiges Händewaschen schützt ziemlich wirksam vor Ansteckung. Das zu propagieren hätte aber einen weit geringeren Beruhigungseffekt als die Einlagerung von Masken, Impfstoff oder Grippemitteln.

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