"Die Presse am Sonntag" Leitartikel: Stimmen wir über Krems ab?, von Rainer Nowak

Ausgabe vom 09.08.2009

Wien (OTS) - Die Todesschüsse von Krems waren eine singuläre Tragödie. Die Reaktionen von Polizei, Justiz, Politik und der medialen Öffentlichkeit entsprechen hingegen dem sattsam bekannten Muster?

Was in der Nacht von 4. auf 5. August in der Supermarktfiliale in Krems passiert ist, müsste leicht zu rekonstruieren sein. Es gab offenbar Dutzende Augenzeugen, von Peter Pilz bis zum "Krone"-Gesellschaftsberichterstatter a. D. berichten viele detailliert, wie es dazu kam, dass ein 14-jähriger Einbrecher von Polizisten erschossen wurde. Wie das hätte verhindert werden können. Oder dass es nicht hätte verhindert werden müssen.

Vermutlich wird niemals zu 100 Prozent geklärt werden, was in jenem Supermarkt passiert ist. Denn die Darstellungen des verletzten zweiten - 16-jährigen - Kleinkriminellen und des dritten möglichen Komplizen sowie jene der beiden Polizisten, die ursprünglich offenbar von einem Fehlalarm ausgingen, unterscheiden sich sicher voneinander. Fest steht, dass es sich bei den Todesschüssen um einen Ausnahmefall handelt. Daraus zu schließen, die Polizei sei schießwütig, wie es Peter Pilz behauptet, ist ebenso dümmlich wie zu glauben, dass 14-jährige Mitglieder ländlicher Einbrecherbanden keine absolute Ausnahme seien. Kollege Michael Prüller nannte den Fall präzise "ein einzelnes, untypisches Zusammenspiel vieler Umstände - eine unattraktive Denkvariante, weil uns Zuschauern dann nur die Erschütterung bleibt".

Wir, die Zuschauer, müssen uns aber wundern, wie die offiziellen Stellen mit dem Fall umgehen: Da wird der 16-jährige Verletzte mit dem Hinweis auf Wiederholungsgefahr in U-Haft genommen. Wiederholungsgefahr? Mit Schusswunden? Der Vorbestrafte wird am Krankenbett sofort verhört, während zwei Tage vergehen, bis die beiden Beamten vernommen werden. Sie seien unter Schock. Der Verletzte war sicher in mentaler Hochform. Dass sich die Polizisten eine gemeinsame Version des Hergangs hätten vereinbaren können, wollte nicht einmal deren Landespolizeikommandant Arthur Reis vor laufenden Kameras ausschließen. Dessen TV-Auftritt an der Seite des Polizeitrainers, der auch am runden Tisch nicht auf seine Waffe verzichten wollte, bewies, dass Spitzenbeamte in Österreich nicht in der Lage sein müssen, gerade Sätze zu formulieren. Dazu produziert die Innenministerin Phrasen, die sich nicht einmal ihr Pressesprecher merken kann.

Das verfestigt ein Bild, dass die Exekutive Aufklärung und Informationspolitik, wie sie in so einem Fall notwendig wären, nicht kennt oder nicht kann. Die Einzigen, die aus ihrer subjektiven Sicht "professionell" reagieren, sind die Gesinnungsrichter. Aus ihrem intellektuellen Halbschlaf erwachen die einen und murmeln einfach wie immer "Faschismus!", die anderen grölen am kleinformatigen Stammtisch, man solle "die Jugend" züchtigen. Dass in Medien allen Ernstes triumphierend Umfragen veröffentlicht werden, dass die Mehrheit der Österreicher zu den Polizisten halte, hinterlässt ein mulmiges Gefühl. Stimmen wir jetzt über Ermittlungen und mögliche Gerichtsurteile ab?

Ein paar Prinzipien des Rechtsstaates, dessen hart arbeitendes Organ die Polizei ist, lassen wir uns nicht nehmen. Nicht von Zeitungen, nicht von Einbrechern, nicht von Beamten, nicht von diversen Selbstdarstellern.

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