ÖSTERREICH: Natascha Kampusch in Lebensgefahr

Ex-OGH-Chef und Mitglied der Evaluierungskommission, Johann Rzeszut erhebt schwere Vorwürfe gegen Staatsanwaltschaft und glaubt an Mittäter, der Kampusch nach Leben trachtet

Wien (OTS) - Knalleffekt in der Causa Kampusch: Die 21-Jährige ist in Lebensgefahr. Das betont jetzt der ehemalige Präsident des Obersten Gerichtshofes und Mitglied der Kampusch-Evaluierungskommission, Johann Rzeszut.

Nachdem Kommissions-Chef Ludwig Adamovich in der Causa zuletzt für Wirbel sorgte, schreibt Rzeszut nun in einem mehrseitigen, bewegenden Brief an ÖSTERREICH (Sonntags-Ausgabe): "Vorweg: Wir fürchten nichts mehr als in einigen Jahren eine Zeitungsmeldung des Inhalts:
,Natascha Kampusch tot aufgefunden' oder ,Natascha Kampusch tödlich verunglückt.'"

Laut Rzeszut könnte ein weiterer Mittäter Natascha nach dem Leben trachten. In seinem Schreiben erläutert er im Detail, warum er und die Kommission vehement daran zweifeln, dass Wolfgang Priklopil völlig allein gehandelt hat.

Nicht nur die Aussagen einer Zeugin veranlassen ihn zu dieser Annahme. Rzeszut betont, "dass der Tatplan eines Einzeltäters, ein Kind in verbautem Gebiet mit einem selbstgelenkten, von außen einsehbaren Kraftfahrzeug zu entführen, völlig unrealistisch wäre."

Und er erklärt, dass ein möglicher Mittäter wohl zu allem fähig wäre, denn "eine Person, die während der Zeit der Opferabhängigkeit wiederholt gemeinsam mit Priklopil und dem Tatopfer gesehen wurde, hat akzentuierten Erklärungsbedarf".

Ein Mittäter könnte letztlich nicht davor zurückschrecken, Natascha zu töten, bevor sie die ganze Wahrheit ans Licht bringt:
"Befürchtet er beispielsweise irgendwann einmal, das Opfer könnte die volle Wahrheit über sein Schicksal etwa medial verwerten, könnte er sich zu finalisierendem Handlungsbedarf entschließen", schreibt Rzeszut.

Dass Natascha Kampusch bisher selbst nicht die ganze Wahrheit ans Licht brachte, sieht er so: "Mögliche Motive für bewusste unwahre Angaben sind denkbar: langfristige Annäherung an die Täter (Stockholm-Effekt), aufrechte Druckausübung durch einen bisher nicht belangten Täter, Deckung von Implikationen nahestehender Personen." Also auch im Familienkreis Nataschas könnten Ungereimtheiten in der Causa bisher noch nicht ans Licht gekommen sein.

Und Rzeszut übt heftige Kritik an der Staatsanwaltschaft: "Nicht zu erklären ist, dass die Ermittlungsverantwortung offenbar weiterhin bei einem Leitenden Oberstaatsanwalt bleibt, der die von kriminalpolizeilicher Seite angeregten Ermittlungsinitiativen ins Lächerliche zieht."

Abschließend betont der ehemalige Chef des Obersten Gerichtshofes:
"Frau Kampusch hat ein bedauernswertes Schicksal erlitten, weil ihr -das steht mit Sicherheit fest - eine unbeschwerte Kindheit mit normalen Entwicklungschancen kriminell genommen wurde. Schon aus diesem Grund verdient sie Mitgefühl. Die Evaluierungskommission will nichts anderes, als dass der (nunmehr) jungen Frau ein weiterer Schicksalsschlag erspart bleibt. Sie legt aber auch Wert auf einen effizienten Beitrag zu der Überzeugung noch nicht belangter oder potentieller Täter, dass Kapitalverbrechen und dazu fassbare Ermittlungsansätze von der österreichischen Strafrechtspflege nicht salopp auf die leichte Schulter genommen werden."

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