"KURIER"-Kommentar von Gert Korentschnig: "Willkommen in der neuen Neidgesellschaft"

Die echten Skandale sind zu abstrakt. Daher wird oft über Lappalien geschimpft.

Wien (OTS) - Jetzt wurde also bekannt, dass in Deutschland außer Ulla Schmidt auch weitere SPD-Minister ihren Dienstwagen im Urlaub genutzt haben. "Ja darf denn das wahr sein?", sind die Empörungsreflexler sofort auszurufen geneigt. Ist unsere Welt tatsächlich so schlecht?
In Tschechien wiederum lautet die wichtigste Frage im Wahlkampf:
Hat der ehemalige Premier Topolanek seinen Urlaub in Italien selbst bezahlt? Oder hat er sich auf korrupteste Art und Weise einladen lassen?
Kann Österreich da im Wettlauf der Hinterhältigkeiten überhaupt noch mithalten? Allemal. Eine ORF-Managerin soll sich allen Ernstes von ihrem Urlaubsort zu einem Meeting nach Wien führen haben lassen. Und da wir schon bei Skandalen sind: Es ist eine Gemeinheit, was -wie ebenfalls in dieser Woche in härtesten Recherchen aufgedeckt -die Pensionisten der Nationalbank verdienen. Dass sie sich nicht schämen...
Geht's eigentlich noch gut? Ist die stärkste Emotion, zu der wir heutzutage fähig sind, wirklich der Neid? Fühlen wir uns, gerade in Krisenzeiten, besser, wenn wir über Minister schimpfen können, die ihren Dienstwagen auch für Privatfahrten benutzen? Oder hat nicht vielmehr jeder, der mehr als 500 Euro pro Monat für sein (Dienst)-Auto bezahlt, nicht nur das juristische, sondern auch das moralische Recht, diesen Wagen jederzeit auszufahren? Um 500 Euro bekommt man ein prachtvolles Leasingauto. Oder für ziemlich viele Tage einen Leihwagen. Einen Dienstwagen privat zu nutzen, ist also alles andere als ein Geschäft. Aber was zählen in solchen Diskussionen schon Tatsachen.

Ärger Wir ärgern uns zumeist über Lappalien. Oder werden von manchen Medien trainiert, uns darüber zu ärgern. Weil wir uns eine Fahrt mit einem Dienstwagen oder eine Einladung zum Urlaub besser vorstellen können als Wirtschaftskriminalität im großen Stil. Das soll freilich nicht bedeuten, dass nicht an die Öffentlichkeit kommen soll, was wirklich schiefläuft, was den Gesetzen widerspricht. Aber Neid ist kein guter Antrieb.
Wirklich lächerlich wird die Sache aber erst dann, wenn von der neuen Missgunst möglicherweise Betroffene vorauseilend versuchen, ja kein Angriffsziel zu bieten. Wenn sie ihre Urlaubsorte nach dem Geschmack des Boulevards wählen. Wenn es verpönt ist, Fernreisen anzutreten, weil man dadurch abgehoben, fern von aller Realität erscheinen könnte.
Es gibt Länder, in denen die Menschen stolz darauf sind, was sie darstellen und was sie besitzen. In Österreich scheinen sich viele kleinmachen zu müssen, um groß zu werden. Die indiskreteste Frage, die man jemandem stellen kann, ist jene nach dem Gehalt. Ein Tabuthema.
Politiker sollen gut verdienen und Urlaub machen, wo sie wollen -wenn ihre Leistung stimmt. Wer Fahrradtouren inszeniert oder in katholischen Regionen medienwirksam in Messen geht, obwohl er nicht religiös ist (wie es der tschechische Ex-Premier praktiziert), schadet nur seiner Glaubwürdigkeit. Viel weniger verlogen dürfte es aber auch in Österreich nicht zugehen.

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