"Die Presse"-Leitartikel: Die drei Faktoren für eine Revolution im Iran, von Thomas Seifert

Ausgabe vom 05.08.2009

Wien (OTS) - Die Bedingungen für einen Umsturz im Iran sind günstig - es sei denn, der Atomstreit eskaliert weiter.

Wann ist eine Revolution eine Revolution? Samuel Huntington lieferte 1968 in seinem Buch "Political Order in Changing Societies" folgende Revolutionsdefinition: "Eine Revolution ist ein rapider, fundamentaler und gewaltsamer Wandel der dominierenden Werte und Mythen einer Gesellschaft, ihrer politischen Institutionen, sozialen Strukturen, Führung und Aktivitäten und Politik der Regierung." Welche Faktoren begünstigen Revolutionen?
Der Faktor Jugend: Jeder Staat mit einem hohen Anteil an 15- bis 25-Jährigen hat ein größeres revolutionäres Potenzial als ein Land mit einer im Schnitt 40-jährigen Bevölkerung.
Der Faktor Stadt: Städte sind zumeist die Bühnen der Revolution, was dort passiert, hat letztlich Auswirkungen auf das gesamte Land. Nimmt die Hauptstadt eine zentrale Rolle im Land ein, gilt das umso mehr. Paris war nicht nur der Schauplatz der Französischen Revolution von 1789, sondern auch der Rebellionen von 1830, 1848 und 1871. Die letzte bedeutsame Revolte in Paris waren die Studentenunruhen von 1968.
Der Faktor Wirtschaft: Ein voller Bauch revoltiert nicht gern. Wenn alle satt und zufrieden sind, gibt es keine Revolte.
Doch wie laufen Revolutionen ab? Ein gängiges Szenario: Das Regime setzt einen Akt der Provokation - wie ein Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt -, es kommt zu Protesten, es gibt Tote, Trauermärsche, mehr Demonstrationen, mehr Opfer, wieder Trauermärsche. Eine zunehmende Spannung, die sich schließlich im Sturz des Regimes entlädt. So war es im Iran 1978 und 1979, als der Schah verjagt und die Islamische Republik begründet wurde.

Doch was ist mit der "grünen Welle", die nach den Präsidentenwahlen vom 12. Juni über Teheran schwappte, als die Menschen auf die Straße gingen, um gegen Wahlbetrug zu demonstrieren? Markiert die Massendemonstration vom 15. Juni, als über drei Millionen Menschen schweigend vom Enqelab- (Revolutions)-Platz bis zum Azadi-(Freiheits)-Platz marschiert sind, den Beginn einer neuen Revolution?
Der Faktor Jugend spricht für ein großes revolutionäres Potenzial. Die Einwohnerzahl hat sich im Iran seit 1979 auf 75 Millionen verdoppelt, 65 Prozent der Bevölkerung sind unter 35 Jahre alt. Sie leiden am meisten unter Selbstzensur, den Bekleidungsvorschriften und mangelnden Zukunftschancen und unter dem gestrengen Blick der Moralpolizei. Besonders die Frauen kann man wohl als revolutionäres Potenzial begreifen.
Der Faktor Stadt: Teheran war - wie auch schon bei der Islamischen Revolution - die Hauptbühne des politischen Dramas, das auf die Präsidentenwahl vom 12. Juni folgte. Vor diesem Hintergrund kann man den politischen Einfluss der konservativeren ländlichen Regionen als gering einschätzen.
Der Faktor Wirtschaft: Der "New York Times"-Kolumnist und Bestsellerautor Thomas Friedman formulierte vor drei Jahren das "Erste petropolitische Gesetz", das da in Kürze lautet, "je niedriger der Ölpreis, desto mehr wächst in ,Petrolistischen‘ Staaten der Grad an Freiheit." Ahmadinejad konnte sich in seiner Amtszeit an Rekordeinnahmen aus dem Ölgeschäft freuen, für kommendes Jahr droht freilich ein Rekorddefizit von 44 Milliarden Dollar, die Iraner stimmen zudem längst mit ihrer Brieftasche gegen das Regime ab: In den vergangenen sieben Jahren sind 250 Milliarden Dollar ins Ausland - zumeist nach Dubai - geflossen, die Kluft zwischen Reich und Arm ist nach Angaben des Virginia-Tech-Ökonomen und Brookings-Institution-Experten Djavad Salehi-Isfahani während Ahmadinejads Präsidentschaft tiefer geworden.

Seit dem 12. Juni ist klar geworden, dass die Führer der Islamischen Republik kein Interesse mehr an der Islamischen Republik oder zumindest dem Anschein einer Islamischen Republik haben. Doch es gibt trotzdem wenig, das für ein Langzeitüberleben des Regimes spricht: Zu groß ist der Mittelstand, zu hoch das Bildungsniveau breiter Schichten der Bevölkerung. Die politische Führung und geistliche Führung sind diskreditiert, die Machteliten sind gespalten. Der Opposition fehlen derzeit allerdings eine Strategie und eine sichtbare, charismatische Führungsfigur. Man darf sich auf ein langes Ringen einstellen.
Ahmadinejad bleibt nur eine Hoffnung: Sollten im Zuge einer Eskalation des Atomstreits israelische Bomben auf den Iran fallen, dann wäre das sein Überlebenselixier.

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