Wiener Zeitung: Unterbergers Kommentar: "Wir Spekulanten"

Ausgabe vom 5. August 2009

Wien (OTS) - Der Finanzminister sagt, die Republik habe nicht spekuliert. Er hat Unrecht. Denn in Wahrheit enthält jedes wirtschaftliche wie politische Handeln Spekulation, also Annahmen über zukünftige Entwicklungen. Zukunft enthält stets das Risiko, nicht so zu sein, wie wir sie uns erwarten.

Daher ist immer sowohl ein Scheitern aller Hoffnungen wie auch eine Realisierung der kühnsten Träume möglich. Wir können einzig die Wahrscheinlichkeit des jeweiligen Risikos abschätzen. Daher handeln all jene Journalisten - wie immer der ORF an der Spitze - bösartig oder zumindest ahnungslos, die beispielsweise eine Geldanlage mit der niedrigsten Risikowahrscheinlichkeit mit dem Besuch eines Spielcasinos gleichsetzen, also mit einem extrem hohen Risiko.
Es spekuliert, wer Geld auf Konten oder Sparbücher legt, weil diese ja nur zur Höhe der Einlagensicherung (künftig 100.000 Euro) garantiert sind. Und weil nicht einmal diese Garantie todsicher ist. Es spekuliert auch jeder, der Geld unter der Matratze aufbewahrt: Er muss sowohl die Möglichkeit eines Brandes einkalkulieren wie auch, dass sein Erspartes durch Inflation wertlos wird.

Es spekuliert jeder Unternehmer: Denn künftige Käufer- und Kundenzahlen sind immer ungewiss.

Jedes Budget ist Spekulation, weil es auf zahllosen (Un-)Wahrscheinlichkeiten und den (immer falschen) Prognosen der Wirtschaftsforscher aufbaut.
Wie hoch auch immer die genannten Risken sein mögen: Sie sind alle gering gegen die gigantische Spekulation unseres Pensionssystems. Die absolute wie die relative Zahl der Pensionsempfänger steigt ja mit enormer Beständigkeit von Jahr zu Jahr rapide an, da immer weniger Kinder geboren werden und da die Menschen immer länger leben. Dennoch gibt es im Pensionssystem keinerlei Rücklagen. Dennoch wagen es noch immer einige Politiker, das System als sicher zu bezeichnen. Ein normaler Bürger wäre bei solchem Verhalten längst vor dem Strafrichter gelandet.

Wenn hingegen der Staat so handelt, bleibt seine grobe Fahrlässigkeit - vorerst - ungeahndet. Bis halt das Risiko schlagend wird.

Und Medien, Rechnungshof wie Politik erregen sich statt dessen über relativ risikoarme Geschäfte. Das ist so, wie wenn sich ein aufgegebener Krebspatient noch um eine Schönheitsoperation sorgt.

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