WirtschaftsBlatt-Leitartikel: Was können wir von China und Indien lernen? - von Herbert Geyer

Es ist die Mittelschicht, aus der das Wachstum kommt

Wien (OTS) - Wer hätte sich noch vor ein paar Jahren vorstellen können, dass dereinst in einer weltweiten Rezession die gesamte industrialisierte Welt wie gebannt auf China schauen würde, weil nur von dort die nötigen Wachstumsimpulse für die Welt kommen können? Nun, es ist soweit. Schon jetzt hängen die Rohstoffpreise an den Weltmärkten vor allem von der chinesischen Nachfrage ab. Und der chinesische Importbedarf ist die große Hoffnung aller Exporteure.

Jetzt (siehe Seite 7) also auch Indien: Der südasiatische Subkontinent könnte, so eine Prognose der Weltbank, bald China den Rang als am schnellsten wachsende große Volkswirtschaft ablaufen. Die rasant steigende Inlandsnachfrage macht auch Indien zu einem gefragten Abnehmer der weltweiten Produktion. Und die Entwicklung steht erst ganz am Anfang, führt man sich vor Augen, dass das riesige Land mit mehr als einer Milliarde Menschen derzeit ein BIP produziert, das gerade einmal das Zehnfache des österreichischen ausmacht.

Was macht den Erfolg der beiden künftigen Super-Wirtschaftsmächte aus? Das Kapital ist es nicht, beide Länder sind auf Kapitalzuflüsse aus dem Ausland angewiesen. Was aber kein Problem ist, da sich das internationale Kapital gar nicht so sehr als das scheue Reh erweist, als das es in Europa gehätschelt wird, sondern vielmehr als ein Wespenschwarm, der mal hierhin fliegt, mal dorthin - wo es halt im Moment gerade die süßesten Früchte gibt.

Was in China und Indien für die beneidenswerten Wachstumsraten sorgt, ist vor allem die dort entstandene neue Mittelschicht, die einerseits ihren Kindern eine ordentliche Ausbildung angedeihen lässt (ohne die keine Wirtschaft florieren kann), andererseits aber auch eine konsumfreudige Käuferschicht für all die in- und ausländischen Waren darstellt, deren Verkauf die Wirtschaft so richtig ankurbelt.

Was können wir daraus lernen? Zunächst einmal, dass wir uns nicht durch die Panik der Krise verleiten lassen, genau das Gegenteil zu tun - nämlich den Mittelstand zu schröpfen, seine Gehälter zu kürzen (oder wegzusteuern) und ihm seine Kaufkraft zu nehmen.

Vor allem aber sollte uns bewusst sein, dass wir mit Afrika einen Wirtschaftsraum direkt vor der Haustüre haben, der es mit China oder Indien locker aufnehmen könnte - wenn es endlich gelänge, auch dort einen Mittelstand heranzuziehen, der als tragende Schicht für die Wirtschaft und den Konsum fungieren könnte.

Das ist die große Herausforderung der europäischen Wirtschaftspolitik in den kommenden Jahrzehnten.

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