"Kleine Zeitung" Kommentar: "Der Kampf der Postler kommt um mehr als 20 Jahre zu spät" (Von Johannes Kübeck)

Ausgabe vom 3.8.2009

Graz (OTS) - Heroisch inszenieren sich dieser Tage die Postgewerkschafter. Kein weiteres Postamt dürfe zugesperrt werden, denn sonst drohe die materielle und geistige Verödung der Republik, predigen seit Jahren die ÖVP-nahen Christgewerkschafter. Ihr Volksbegehren "Stopp dem Postraub" liegt noch heute zur Zeichnung auf.

Die heroische Inszenierung überdeckt zwei grundlegende Mängel der Aktion. Der eine ist, dass die Post im 21. Jahrhundert nicht mehr ihre klassische Rolle spielen kann, die wir aus Spielfilmen kennen. Mobiltelefon und Internet sind längst in alle Gegenden vorgedrungen und auch der Vormarsch privater Zustelldienste ist kein Teufelswerk der Neoliberalen, sondern folgt dem Wunsch der Bürger, alles besser und zum Schnäppchenpreis zu bekommen.

Ein Kampf um die Postämter hätte - vielleicht - vor 20 Jahren Sinn gehabt, als diese Entwicklungen in ihrer ganzen Tragweite noch nicht erkennbar waren. Aber im Jahr 2009 für die Erhaltung von verbeamteten Strukturen zu werben, mag vielleicht etwas Sympathie in Teilen der Öffentlichkeit wecken, wirkt insgesamt aber einigermaßen anachronistisch.

Der zweite grundlegende Mangel des Volksbegehrens ist die Instrumentalisierung der Öffentlichkeit für interne Auseinandersetzungen. Die Post hat - auch - Probleme, sich an die geänderten Zeiten anzupassen, weil sie einen erheblichen Anteil von Beamten in ihren Reihen hat. Deren Vertreter scheinen das Dienstrecht vorwiegend so zu interpretieren, dass sich für die Kollegen bis zur Pensionierung nichts mehr ändern darf. Diese Funktionäre fordern jetzt Österreicher auf, die vielleicht gerade arbeitslos geworden sind, dafür zu unterschreiben, dass die Arbeitswelt der Postbeamten weiter in hohem Maß geschützt bleibt.

Die zweite interne Auseinandersetzung ist der erbitterte Kampf der schwarzen gegen die roten Postgewerkschafter. Bei der letzten Betriebsratswahl war die SPÖ-Fraktion auf knapp 60 Prozent geschrumpft, während die Christgewerkschafter deutlich auf 36 Prozent hatten zulegen können. Die Funktionäre sind so auf diesen Hahnenkampf fixiert, dass sie den Niedergang der eigenen Basis zu vergessen scheinen. Die Mitgliederzahl der Postgewerkschaft schrumpft fast doppelt so schnell wie jene aller anderen
ÖGB-Teilbereiche.

Der Kampf der Postler hat also je nach Blickwinkel mehrere Facetten. Eine weitere fügt das Wahlrecht hinzu. Es ist bezeichnend, dass das Volksbegehren - wie alle anderen - nicht auf dem Postweg unterzeichnet werden kann.****

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