DER STANDARD-Kommentar "Wer kontrolliert, wird ignoriert" von Fritz Neumann

Auf Quotenjagd mit Phelps und Bolt - Doping ist vor allem ein mediales Problem

Wien (OTS) - Sie gehen fast ineinander über, die zwei größten Sportereignisse heuer. Sowohl die Schwimm-WM, gestern in Rom beendet, als auch die Leichtathletik-WM, ab Mitte August in Berlin, spiegeln die Doping-Problematik wunderbar wider. Rom hat eine Flut an Weltrekorden gebracht und die damit verbundene Diskussion über jene Hightech-Anzüge, die den Schwimmern Auftrieb verleihen und Kraft sparen. Was Rom nicht gebracht hat, war eine Diskussion über Doping. Sie wäre höchst angebracht.
Der internationale Verband (Fina) ist auf den Vorwurf, es würde nur halbherzig und sogar seltener als früher kontrolliert, gar nicht erst eingegangen. Laut einem ARD-Bericht sind die Trainingskontrollen vor Titelkämpfen seit dem Jahr 2003 kontinuierlich zurückgegangen. In Rom waren keine Blut-, sondern nur Urintests vorgesehen, obwohl die wirksamsten Mittelchen nur im Blut festzustellen sind.
In diesem Zusammenhang fällt auf, dass die Schwimmer seit Jahren keine Dopingsorgen haben. Dabei wäre diese Sportart, in der die DDR in den Achtzigern unzählige junge Mädchen "aufgeblasen" hat, klassisch Doping-affin. Dass schwarze Schafe seltener schwimmen als Rad fahren oder langlaufen, ist unwahrscheinlich. Eher wollte sich der Schwimmweltverband von vornherein positive Tests und negative Schlagzeilen ersparen. Wo andere mit strengen Kontrollen hingekommen sind, weiß man. Der Radsport wird medial mehr und mehr ignoriert. Sponsoren kommen nicht mehr vor und springen ab, Rennen und Rundfahrten werden in Serie abgesagt.
Die Anzüge kamen zur rechten Zeit, sie allein sollen nun Fabelzeiten erklären. Dabei haben sich auch auf kürzeren Strecken etliche Schwimmerinnen und Schwimmer nicht nur um Bruchteile, sondern um Sekunden gesteigert. Michael Phelps galt noch vor einem Jahr, da er acht Olympiasiege feierte, als das Nonplusultra, als Fisch in Menschengestalt. Jetzt kraulen diesem Fisch andere um die Ohren wie der Deutsche Paul Biedermann, der märchenhaft schnell geworden ist. Von Phelps weiß man, dass er das Training in der Winterpause eine Zeitlang nicht so ernst genommen hat. Aber die Delfinstrecken sind dem Superstar wichtig, hier schlägt dann doch wieder er zu. Übrigens teilweise ohne Hightech-Anzug, aber stets mit Weltrekord. Das alles ist überaus merkwürdig. Und man müsste fast erleichtert darüber sein, dass nicht auch die österreichischen Schwimmer pausenlos ihre Bestmarken torpedieren.
Die Medien, wie gesagt, drohen just jenen Sportarten, die Dopingsünder überführen, mit Boykott. Aktuell wird der deutschen Reiterei von den deutschen TV-Anstalten zugesetzt, weil es im Reitsport endlich Dopingkontrollen (auch für die Pferde) und also positive Tests gibt. Früher, als man die Zügel schleifen ließ und nicht kontrollierte, fragte kaum jemand nach. Dieselben Medien führen minuten- oder seitenlange Interviews mit Sportlern, die es zum Teil nicht über Ergebnislisten hinausgebracht, aber gedopt und vielleicht bestochen hatten. Meldungen von echter Relevanz sind oft Randnotizen - wie jene von der Qualität der Dopingkontrollen bei der WM in Rom. Oft heißt es, die Welt brauche Helden wie Phelps oder den Sprintweltrekordler Usain Bolt, der bei seinem Fabellauf in Peking (9,69) die Gegner und die Welt zum Narren hielt, als er mit angezogener Handbremse ins Ziel lief. Dabei profitieren bloß die Medien, weil Phelps und Bolt für Quote sorgen. Dass kürzlich fünf Läufer aus dem Sprinterparadies Jamaika überführt wurden, auch Trainingskollegen von Bolt, ließ die Funktionäre des zuständigen Weltverbands (IAAF) lapidar mit den Achseln zucken. Die häufigste mediale Reaktion: eine Kurzmeldung.

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