Tiroler Tageszeitung Kommentar "Wer hat Angst vor der SPD?" (Von Floo Weissmann)

Wien (OTS) - Den letzten Optimisten unter den deutschen Sozialdemokraten muss gestern angst und bange geworden sein. Acht Wochen vor der Wahl versprach Kanzlerkandidat Steinmeier einen vagen "Aufbruch zum Besseren" vor malerischer Naturkulisse. Und für Gesundheitsministerin Schmidt, die wegen der Dienstwagen-Affäre zum Gespött geworden ist, wollte er vorerst keinen Ersatz anbieten. Ein politisches Halali auf die Union, die in Umfragen zwölf Prozent vorne liegt, klingt anders.

Zu Steinmeiers Verteidigung muss gesagt werden, dass er und Parteichef Müntefering im Herbst eine desolate SPD übernommen haben. Flügelkämpfe, inhaltliche Leere, Führungsschwäche und der Angriff der Linkspartei auf enttäuschte Stammwähler hatten die einst staatstragende Partei schon zuvor ins Trudeln gebracht. Verblüffend bleibt aber, dass Steinmeier und Müntefering die Wirtschaftskrise nicht nutzen konnten, um die SPD wieder aufzurichten. Breites Unbehagen in der Bevölkerung gegenüber den Auswüchsen des Kapitalismus sowie Verlustängste sollten Wasser auf die Mühlen einer Partei sein, die mit sozialer Gerechtigkeit wirbt.

Dass auch die Sozialdemokraten in anderen Ländern mehr mit der eigenen Krise als jener der Wirtschaft beschäftigt sind, kann dem Wahlkämpfer Steinmeier kein Trost sein. Er rennt gegen ein tiefes Vertrauensdefizit bei den Wählern an. Zu allem Überfluss entspricht die Rolle des charismatischen Redners und Erneuerers gar nicht seinem Typ und seiner Biografie. Der frühere Strippenzieher von Kanzler Schröder hat nicht mehr viel Zeit, den Deutschen zu erklären, warum sie ausgerechnet auf ihn setzen sollen und wofür die SPD heute steht. Ein "Aufbruch zum Besseren" genügt da nicht.

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