WirtschaftsBlatt-Leitartikel: Gewinne absichern machte noch nie arm - von Robert Gillinger

Das Potenzialwachstum wird sinken

Wien (OTS) - Die Börse hat immer Recht, so ein alter Börsianer-Spruch, wie auch "Stelle dich nie gegen den Markt". Mitten in der tiefsten Rezession seit Jahrzehnten markierten die Aktienmärkte zuletzt neue Jahreshochs. Jetzt müssen all jene Fonds und Institutionelle zurück in den Markt, denen das Ganze bisher zu unsicher erschien. Aber der Zwang, nicht schlechter als die Benchmark zu sein, steht allen skeptischen Überlegungen im Weg.

Das steht im krassen Widerspruch zur Realität, die Kurse entwickeln sich besser als die volkswirtschaftlichen Rahmendaten bzw. Unternehmensgewinne.

Natürlich haben all jene Recht, die da sagen, dass volkswirtschaftliche Zahlen die Vergangenheit zeigen, Unternehmen die Gegenwart beobachten und Börsen die Zukunft. Und ja, das Schlimmste ist vorbei, der Tiefpunkt der Rezession. Mehr aber nicht.
Denn die in der Vergangenheit lebende Volkswirtschaft wird auch in der Zukunft ein gewichtiges Wörtchen bei der Börsenentwicklung mitreden. Das Stichwort ist Potenzialwachstum. Darunter versteht man die langfristige Veränderung des BIP bei einem normalen Auslastungsgrad der Produktionskapazitäten. Anders ausgedrückt: jene Wachstumsrate, die sich durch Nutzung der verfügbaren Produktionskapazitäten ergibt, ohne dass Inflationsdruck entsteht. In den USA liegt das langfristige Potenzialwachstum bei 3,0 Prozent, im Euro-Raum bei 2,5 Prozent. Doch dabei wird es nicht bleiben.

Viele der vorhandenen Kapazitäten werden künftig nicht mehr gebraucht. Und da sei nicht nur die Automobilindustrie gemeint (der Entschuldungsprozess von Haushalten wie Unternehmen ist dem allgemeinem Konsum ebenso abträglich wie steigende Arbeitslosenzahlen). Das heißt aber auch, dass das Produktionspotenzial künftig sinkt - in den USA so gut wie sicher auf unter zwei Prozent, im Euro-Raum sowieso.

Frage: Wenn das Produktionspotenzial sinkt, gilt das dann nicht auch für die Gewinnaussichten der Unternehmen? Und schon ist zu fürchten, dass die in die Zukunft blickenden Börsianer nicht weit genug in eben diese blicken. Hohe durchschnittliche Gewinnwachstumsraten gehören ebenso der Vergangenheit an, wie solche für das BIP. Es heißt also mittelfristig auch für Börsianer wieder den Gürtel enger zu schnallen. Wie schnell das kommt, wird sich erst zeigen; aktuelle Gewinne zumindest abzusichern, hat aber noch niemand arm gemacht.

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