"Die Presse" Leitartikel: Helga triumphans in Salzburg, von Norbert Mayer

Ausgabe vom 30.07.2009

Wien (OTS) - Die Festspielpräsidentin geht gestärkt aus den Querelen um die Intendanz hervor. Die Politik ist hingegen kopflos.

Reihenweise Sieger gibt es angeblich bei den Salzburger Festspielen. Nachdem sich seit dem Wochenende das intensivste Schauspiel nicht auf den Bühnen, sondern in den Räumen der Intendanz und im politisch besetzten Kuratorium abgespielt hat, scheint jetzt Friede eingekehrt im Erzbistum der Kunst. Zeit für einige Fanfarenstöße, ehe man sich der Frage zuwendet, ob jetzt endlich wieder, wie die Kulturministerin rät, den Künstlern die Bühne überlassen werden soll.

Trara! Intendant Jürgen Flimm, den es nach Berlin zieht, darf frühzeitig weg. Sein Programm bis zur Saison 2011 ist fertig. Mission erfüllt. Tusch. Salzburgs Bürgermeister Heinz Schaden hat zwar verhindert, dass Flimm bis 2011 parallel Salzburg und Berlin betreuen kann, das wird diesen aber nicht lange schmerzen. Flimm wird nach dieser Saison also nur noch bis zum Oktober 2010 im Festspielhaus vorbeischauen, so wie wahrscheinlich auch der künftige Intendant Alexander Pereira, der erst für die Saison 2012 antritt, und dem es Schaden sehr wohl zugestanden hätte, Salzburg und Zürich parallel zu leiten.

Trara! Salzburg hat jetzt drei Intendanten. Denn auch der derzeitige Konzertchef Markus Hinterhäuser, der sich vergeblich um den Spitzenjob beworben hat, darf nun Interimschef bis Oktober 2011 spielen und hat ab sofort im Direktorium mitzureden. Es ist schön für ihn, vor allem aber auch ist es schön für Salzburg, dass dieser kreative Künstler und effiziente Manager nicht nachtragend war und aus Sorge um die Festspiele die durchs Kuratorium erlittene Zurückweisung wegsteckt. Doppelter Tusch!

Trara! Die große Siegerin ist einstweilen die Festspielpräsidentin, die sich zuletzt mit Wortmeldungen nobel zurückgehalten hat. Helga Rabl-Stadlers Vertrag wurde bis 2014 verlängert. Bis Oktober 2011 wird sie erst mit Flimm, dann mit Hinterhäuser die Kontinuität wahren, um danach mit dem neuen Intendanten ein von drei auf zwei Personen reduziertes Direktorium zu leiten. Wie eine Juditha triumphans hat sie ihren Willen durchgesetzt. Und es floss nicht einmal besonders viel Blut. Dreifacher Tusch!

Ein Drama ohne Kollateralschäden also? Nein, Opfer gab es in der Festspielführung auch, und gar nicht so kleine. Schauspielchef Thomas Oberender, den Flimm im Vorjahr zu einem frühzeitigen Abgang drängen wollte, und der dann doch bleiben durfte, erfüllt zwar seinen Vertrag bis 2011, aber dann hat er genug vom Salzburger Theater. Und der Kaufmännische Direktor Gerbert Schwaighofer schweigt zwar nobel über die Motive für sein Ausscheiden Ende 2010, er gibt seinen Kollegen, dem Kuratorium und der Politik jedoch einen guten Rat: Eine Zweierdirektion hält er nicht für optimal. Bei einem Betrieb dieser Größe mit 50 Millionen Euro Budget scheint das ein vernünftiger Hinweis, den aber offensichtlich weder Pereira noch Rabl-Stadler beherzigen wollen.

Und auch nicht die Politik. Womit wir beim eigentlichen Verlierer dieses unfrommen Mysterienspiels in Sichtweite des Doms angelangt sind. Einige Politiker haben sich in dieser kleinen Salzburger Sommerkrise als kopflos erwiesen. Bürgermeister Schadens Krisenmanagement schien begrenzt, und auch Kulturministerin Claudia Schmied glich zuweilen einer Holoferna. Im Interview mit den "Salzburger Nachrichten" sprach sie sich gegen eine Interimslösung aus. Am nächsten Tag verkündete ihre Vertreterin im Kuratorium eben diese Zwischenlösung mit Hinterhäuser. Wie soll man jetzt also bewerten, dass Schmied für ein Zweierdirektorium ist, das außer der Ministerin und den zwei Direktoren nicht sehr viele für praktikabel halten? Immerhin hat es in Salzburger Glanzzeiten bis zu fünf Direktoren gegeben. Soll man Schmied glauben oder dem im Festspielmanagement erfahrenen Schwaighofer?

Die Arbeitsweise des Kuratoriums war zuletzt suboptimal. Das ist kein Wunder bei einem Gremium, das von Stadt, Land und Bund dominiert wird, und auch keine Spezialität der Kultur. Eher haben wir es mit einem gängigen Stadt-Land-Bund-Phänomen zu tun. Man sollte solch seltsame Verbandelungen auflösen und einen transparenten Neuanfang wagen. Zwei Optionen scheinen möglich: Die Politik reißt die Initiative ganz an sich und übernimmt auch die volle Verantwortung im Kuratorium. Oder sie besetzt dieses Gremium tatsächlich mit Fachleuten statt mit politisch motivierten Hobbykulturmanagern.

Welche Lösung wäre besser? Das ist eine Frage des ideologischen Geschmacks. In beiden Fällen wäre es aber angeraten, dass sich die Verantwortlichen von Zeit zu Zeit Gedanken darüber machen, welche Form und welchen Inhalt die Festspiele haben sollen. Kopflos wird man in diesem Spiel der Mächtigen kaum triumphieren.

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