Ukraine: Stalin befahl Zerstörung der griechisch-katholischen Kirche

Sensationelles Dokument aus dem Geheimarchiv des Zentralkomitees der KPdSU vom 17. Dezember 1945 schafft endgültig Klarheit -Detaillierte Regieanweisungen aus dem Kreml

Moskau-Wien, 29.07.2009 (KAP) Aufschlüsse über Inszenierung und Ablauf der Liquidierung der griechisch-katholischen Kirche in der westlichen Ukraine im Zeitraum von 1945 bis 1950 vermittelt ein der "Kathpress" exklusiv vorliegendes Dokument, das direkt aus dem Geheimarchiv der Parteiführung im Kreml stammt und der griechisch-katholischen Kirchenführung zugespielt wurde. Damit sind letzte Zweifel beseitigt, dass Stalin und der damalige ukrainische KP-Chef Nikita Chruschtschow persönlich die Liquidierung der "unierten" Kirche steuerten und befahlen. Fachleute waren bereits seit geraumer Zeit davon überzeugt, dass es derartige Regieanweisungen gegeben haben muss, bisher gab es auf Grund der mangelhaften Aktenlage aber keinen schlüssigen Beweis.

Das der "Kathpress" übermittelte Dokument vom 17. Dezember 1945 macht gleichzeitig deutlich, dass das "Initiativkomitee zur Wiedervereinigung der griechisch-katholischen Kirche mit der Orthodoxie" - unterstützt durch Staat und Partei - die führende Rolle bei der Liquidierung spielte. Gründer der Initiative waren die katholischen Erzpriester Gabriel Kostelnyk, Michael Melnyk und Anton Pelwetskyj.

Bereits im Frühjahr 1945 war eine Medienkampagne gegen die Unierten unter dem Schlagwort "Kehrt schleunigst in die Arme eurer wahren Mutter, der orthodoxen russischen Kirche, zurück" gestartet worden. Am 8. April 1945 erschien in der Zeitung "Wolna Ukraina" unter dem Titel "Mit dem Kreuz und dem Messer" ein scharfer Artikel gegen die unierte Kirche und ihre Bischöfe. Nach dieser "Einstimmung" schritt man zur Tat: am 11. April wurden alle unierten Bischöfe in der Westukraine gleichzeitig verhaftet. Später - im Frühjahr 1946 - gab der Moskauer Rundfunk bekannt, die Bischöfe seien wegen Kollaboration mit den Deutschen zu langer Zwangsarbeit verurteilt worden.

Vom 8. bis zum 9. März 1946 tagte in Lemberg (Lwiw) eine sogenannte "Synode der griechisch-katholischen Kirche", die die Union von Brest-Litowsk mit Rom aufkündigte und den Anschluss an das Moskauer Patriarchat beschloss. Bei der Synode war kein rechtmäßiger Bischof der griechisch-katholischen Kirche anwesend; die Bischöfe waren längst interniert. An der Synode selbst nahmen rund 200 Geistliche teil. Ein Dokument hält allerdings fest, dass "unter den Anwesenden die Namen bereits verstorbener Geistlicher genannt" wurden. Schon vor der Synode wurden die "Chefs" des Komitees im Kiewer Höhlenkloster in die russisch-orthodoxe Kirche aufgenommen. Die bisherigen griechisch-katholischen Priester Pelweztskyj und Melnyk wurden umgehend zu Bischöfen geweiht. Erzpriester Kostelnyk, der eigentliche Drahtzieher, konnte - weil verheiratet - nach den Vorschriften des Kirchenrechtes nicht Bischof werden. Er fiel jedoch schon ein Jahr später einem nie aufgeklärten Mordkomplott zum Opfer.

Das Drama der "Wiedervereinigung" erreichte am 9. Dezember 1946 ihren Höhepunkt: die neuen Bischöfe nahmen zusammen mit den orthodoxen Bischöfen Makarij von Lemberg und Nestor von Mukatschewo "die Abschwörung der lateinischen Häresie" durch 204 Priestern entgegen. Die Synode schickte anschießend Huldigungsadressen an Stalin und die Mitglieder der sowjetischen Regierung. Nur rund 30 Prozent des griechisch-katholischen Klerus wechselte unter Druck ins orthodoxe Lager über. Rund 10 Prozent gründeten im Verborgenen die Katakombenkirche. Weitere 10 Prozent gingen ins Exil.

Dem Drama in den Gebieten der westlichen Ukraine folgte die Zerschlagung der katholischen Kirche des byzantinischen Ritus in der Karpato-Ukraine im Jahre 1949. Darüber berichtete detailliert die Moskauer Patriarchatszeitschrift. Dort heißt es, der griechisch-katholische Klerus der Karpato-Ukraine sei "aus Sorge um das Heil der ihm anvertrauten Seelen" in seiner überwiegenden Mehrheit zur Orthodoxie übergetreten. Das gläubige Volk sei "massenweise in den Schoß der orthodoxen Mutterkirche" zurückgekehrt; die Union auch im letzten Winkel ausgerottet. Als Motiv wurde angegeben, die Union habe die Freiheit des Gewissens beeinträchtigt. Da das Volk der Karpato-Ukraine durch die "unsterblichen Heldentaten des russischen und ukrainischen Volkes endlich glücklich von der Jahrhunderte währenden Fremdherrschaft befreit" worden sei, schlage die Stunde, "auch die Knechtschaft des Vatikans abzuschütteln".

Auch im polnisch gebliebenen Teil des ukrainischen Siedlungsgebietes wurde die griechisch-katholische Kirche vernichtet (es handelte sich um die Eparchie Peremysl/Przemysl). Bereits im September 1944 war zwischen der UdSSR und der polnischen kommunistischen Regierung ein Vertrag über den "Bevölkerungsaustausch" im ganzen Grenzgebiet unterzeichnet worden. Die auf polnischem Gebiet verbliebene ukrainische Restminderheit - rund 200.000 Personen - wurde im Jahr 1947 im Rahmen der "Aktion Weichsel" mit Gewalt in die Oder-Neiße-Gebiete umgesiedelt.

 

Verhandlungen zur Wiederzulassung in Wien

Vor 20 Jahren, im Spätherbst 1989, erreichte die katholische Kirche - der Heilige Stuhl, vertreten durch den damaligen Pfarrer und nunmehrigen Generalvikar für die byzantinischen Gläubigen in Österreich, Prälat Alexander Ostheim - in zähen Geheimverhandlungen in Wien mit Repräsentanten der damaligen UdSSR die Wiederzulassung der bis zu diesem Zeitpunkt im Untergrund wirkenden griechisch-katholischen Kirche in der Westukraine. Damit wurde ein neues Kapitel in der bewegten Geschichte aufgeschlagen.

(forts. mgl.)
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