Indische Expertin warnt vor Kollaps des Ökosystems

"Fachtagung Weltkirche" über Schöpfungsverantwortung im oberösterreichischen Stift Lambach

Linz, 26.07.2009 (KAP) Wenn sich im weltweiten Wirtschaftssystem in Zukunft nichts ändert, wird das Ökosystem unweigerlich kollabieren. Davor hat die indische Bürgerrechtlerin Vandana Shiva bei der "Fachtagung Weltkirche" im oberösterreichischen Stift Lambach gewarnt. Die Tagung hatte es sich zur Aufgabe gemacht, die Zusammenhänge zwischen Wirtschafts- und Umweltkrise herauszuarbeiten und neue Perspektiven für eine tragfähige Schöpfungsverantwortung zu entwickeln. Vandana Shiva, Trägerin des Alternativen Nobelpreises und Mitgründerin von "Navdanya", einer NGO zur Förderung von Biodiversität, biologischem Landbau und Rechten der Bauern, kritisierte u.a. die immer größer werdende Macht der multinationalen Konzerne.

Die 1952 in Dehra Dun geborene indische Physikerin, Öko-Feministin, Bürgerrechtlerin und "Club of Rome"-Mitstreiterin arbeitet in ihrer Heimat Indien an verschiedenen Projekten wie einer Saatgutbank. 95 Prozent des weltweiten Saatgutes seien in der Hand eines Unternehmens, das sein Saatgut so manipuliere, dass das geerntete Produkt nicht mehr als zukünftiges Saatgut dienen kann, da durch eine genetische Veränderung die Saat nach der Ernte unfruchtbar werde, berichtete Shiva.

Bischof Luciano Capelli von der Diözese Gizo auf den Salomon-Inseln zeigte die dramatischen Auswirkungen des Klimawandels in seiner Lebenswelt auf. So wurden die Salomon-Inseln am 2. April 2007 von einem gewaltigen Tsunami heimgesucht, wodurch große Teile der Inselgruppe verwüstet wurden. Diese Katastrophe war laut Capelli eine direkte Auswirkung des Klimawandels, denn durch die Anhebung des Meeresspiegels komme es zu Erdbeben und in Folge auch zu riesigen Tsunamiwellen. Besonders der pazifische Raum sei auf Grund seines fragilen Ökosystems besonders gefährdet. Es sei absolut ungerecht, "dass es immer die am Härtesten trifft, die am wenigsten mit der Verursachung zu tun haben", spielte Capelli auf die Abgeschiedenheit der Inselgruppe der Salomonen im Pazifik an.

Die Medien hätten dem Tsunami-Unglück in Ozeanien kaum Aufmerksamkeit geschenkt, bedauerte Bischof Capelli. Er bedankte sich vor allem bei "Jugend Eine Welt" und der "Missions-Verkehrsarbeitsgemeinschaft" (MIVA), die den Menschen auf den Salomon-Inseln das Gefühl geben, "integriert zu sein". Denn es gebe kein schlimmeres Gefühl als das, isoliert und von der Außenwelt abgeschnitten zu sein. Die Aufbauarbeiten nach dem Tsunami gingen nur äußerst langsam von statten, deswegen sei man für jede helfende Hand dankbar. Volontäre seien auf den Salomon-Inseln stets willkommen, betonte Bischof Capelli.

Für einfacheren Lebensstil

Der Rektor der Katholisch-Theologischen Privatuniversität Linz, Prof. Michael Rosenberger, stellte in seinen Ausführungen "schöpfungsverträgliche Lebensstile in der einen Welt" vor. Die technische Entwicklung habe in den letzten Jahren viele positive Ergebnisse gebracht, so Rosenberger, zugleich habe der Lebensstil der westlichen Gesellschaften dieses Einsparungspotential durch überhöhten Aufwand wieder zunichtegemacht.

Der CO2-Ausstoß sei global ebenso ungleich verteilt wie der Reichtum, kritisierte Rosenberger. Die industrialisierten Gesellschaften versuchten, ihr Vorrecht auf höheren Energiebedarf auch politisch aufrecht zu erhalten, wie die Verhandlungen der G 8 unlängst gezeigt hätten. Für den Moraltheologen sind die Religionen mit ihrem spirituellen Potenzial daher gefordert, Haltungen wie Ehrfurcht vor der gesamten Schöpfung, Dankbarkeit, Maßhalten, Demut und Opferbereitschaft als gesellschaftliche Praxis vorzuleben.

Für eine Veränderung der Gesellschaften hin zu einer umweltverträglichen Lebenspraxis bezeichnete Rosenberger das Beispiel von Ordensgemeinschaften als zentral. Er rief zu einem einfacheren Lebensstil auf; die Bedeutung liege nicht zuerst auf den einschränkenden Seiten einer solchen neuen Einfachheit, sondern vielmehr auf der neu zu gewinnenden Freiheit und Sinnhaftigkeit.

Bisherige Entwicklungskonzepte gescheitert

Karl Kumpfmüller vom Institut für Wirtschafts-, Sozial- und Unternehmensgeschichte der Universität Graz analysierte das gängige Konzept von "Entwicklung", das er als gescheitert ansah. "Entwicklung" bedeute, die "unterentwickelten" Gesellschaften nach dem Modell Europas und der USA zu gestalten. Dazu seien ab 1960 verschiedene Entwicklungsprogramme vorgeschlagen worden, die allesamt fehlschlugen. Kumpfmüller: "Nach 50 Jahren Entwicklungshilfe müssen wir zur Kenntnis nehmen, dass die Migranten allein aus unseren Ländern zweieinhalb Mal so viel Geld in ihre armen Länder überweisen wie die gesamte Entwicklungshilfe der Industrienationen ausmacht".

50 Jahre Entwicklungshilfe hätten die Ungleichheit auf der Welt und die Kluft zwischen Armen und Reichen nur noch vergrößert. Kumpfmüller plädierte daher für eine neue Definition von "Entwicklung", die vor allem die Durchsetzung der Menschenrechte für alle Menschen beinhalte.

Der Abt von Stift Lambach, Maximilian Neulinger, konnte rund 150 Teilnehmerinnen und Teilnehmer bei der Fachtagung begrüßen. Organisiert wurde das Symposion von den Frauen- und Männerorden zusammen mit der "Koordinierungsstelle der Österreichischen Bischofskonferenz für Entwicklung und Mission" (KOO), "Jugend Eine Welt", den Steyler Missionaren und der "Missions-Verkehrsarbeitsgemeinschaft" (MIVA).

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