"Kleine Zeitung" Kommentar: "Das Casino in uns" (Von Hubert Patterer)

Ausgabe vom 26.7.2009

Graz (OTS) - Kleine Zocker waren auch wir. Das ebnet nicht die Verantwortung der großen ein.

Die Bundesfinanzierungsagentur hat Steuergelder risikoreich veranlagt. Das Risiko hat sich in den fetten Jahren spektakulär gelohnt und in den mageren der Krise dramatisch gerächt. Die SPÖ spricht von neoliberalem Hasard, die ÖVP von einem Blöd gelaufen. Glück und Pech seien einander nichts schuldig geblieben. Da nichts passiert sei, sei auch niemand zur Verantwortung zu ziehen. Beide Lesarten sind maßlose, parteipolitische Rhetorik.

Zunächst sollte man einbekennen: Die Gier, das Verlangen nach dem schnellen Glück, ist keine Wesensart einer bestimmten Berufsgruppe. Die Habsucht ist keine Krankheit, die nur Manager und Bankiers befällt, auch wenn es bequemer wäre, es zu glauben. Es fiele leichter, gegen "die da oben" Klage zu führen.

So aber hat die Aussicht auf übermäßige Renditen auch die Kleinanleger in eine fiebrige Masse kleiner Zocker und Casineure verwandelt. Plötzlich galten Sparbuch- oder Bausparzinsen als Ausdruck biederer Gesinnung. Plötzlich musste eine fondsgebundene Lebensversicherung her, ein Kredit in fremder Währung, ein eigenes Aktiendepot. Das Hochgefühl der Boom-Jahre verdrängte das Einmaleins der Risikolehre: dass Beides, hohe Renditen UND hohe Sicherheit eine Chimäre ist.

Der Hinweis auf diese allgemein menschlichen Instinkte und Schwächen darf freilich nicht dazu dienen, die Verantwortung derer, die Verantwortung tragen einzuebnen. Zwischen den Kleinanlegern und den Managern der Finanzierungsagentur gibt es einen gravierenden Unterschied: Die einen setzten das eigene Ersparte aufs Spiel, die anderen das Geld der Steuerzahler. Sie handelten als deren Treuhänder. Das erhöht das einzufordernde Maß an Besonnenheit. Der zweite Unterschied: die Kleinanleger waren unwissende Laien, die Manager hingegen ausgebildete Finanzprofis mit Einschätzungs- und Risikokompetenz.

Vor diesem Hintergrund kommt ihr Argument, man habe sich ausschließlich auf die Bewertungen der Rating Agenturen verlassen, einem Offenbarungseid gleich. Wenn hoch bezahlte Finanzmanager Sachverstand und Vernunft so nonchalant an Dritte delegieren, fragt man sich, wozu man sie dann überhaupt braucht. Dass das Risiko zudem schlecht gestreut wurde, eigens Spielkapital aufgenommen wurde, und die Manager die Finanzprodukte, in die das Steuergeld floss, teils gar nicht kannten, all das rundet das Bild zu einem Sittengemälde ab.

In ihm offenbart sich nicht, wie der Bundespräsident mutmaßt, die Fratze des Neoliberalismus, sondern staatseigener Dilettantismus -hoch dotiert und folgenlos. ****

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