"Kleine Zeitung" Kommentar: "Passiert noch was?"

Ausgabe vom 19.07.2009

Graz (OTS) - Lässt sich schon eine Empfindung für diesen Sommer formulieren, ein Gefühl für seine Schwingungen?

Es ist der Sommer der Krise und des Rückzugs auf das Vertraute, Nahe, Sichere. Existentiell reisen, sich aussetzen, in der Fremde sich selbst erfahren und als ein Anderer zurückkehren, das war einmal. Urlaub im Retourgang ist angesagt.

Dass alles, was mit dem Mikrokosmos des Gartens zu tun hat, boomt und sich die Massen dem eigenen grünen Geviert kultisch zuwenden, sind äußere Zeichen dieser biedermeierlichen Grundströmung.

Der Garten ist der Kokon in der Krise. In seinem Schutz lässt sich die Leichtigkeit des Sommers bewahren. Die Thujen sind die botanischen Abwehrraketen, die die Konjunkturdellen und Defizitquoten der Felderers und Aigingers dieser Welt auf Distanz halten.

Das funktioniert. Auch wenn die Krise wie ein Geschwür durch alle Organe der Wirtschaft wuchert und die Betroffenheiten flächiger und drückender werden, hat man dennoch nicht den Eindruck, dass der Abschwung kollektiv auf das Gemüt und den Sommer drückt. Nächste Woche wird er zum Festspiel, erst Bregenz, dann Salzburg, die Krise kann warten. Man gibt sich unbeschwert und nimmt Maß am fidelen Kanzler und am noch fideleren Vizekanzler und findet ihre Titanic-Kapellen-Heiterkeit irgendwie ganz anmutig.

Die Wachen beschleichen freilich Zweifel: Kommt die Heiterkeit aus der Souveränität des Handelns, aus dem Wissen um die eigene Reformkraft und Entschlossenheit, oder ist sie Tünche, die Unbedarftheit und Überforderung zudeckt?

Die Leichtigkeit dieses Sommers hat ein Fragezeichen und keine Sicherheitshaken. Der Unterboden der Leichtigkeit sind dunkle Ahnungen und Ungewissheit: Ist das Schlimmste vorüber oder droht im Herbst das dicke Ende?

In diesem Schwebezustand liegt das Land da. Es ist ein ganz eigentümliches, schaukelndes In-between-Gefühl, das für die Unwägbarkeiten und Kapriolen des Wetters ebenso gilt wie für die Vorgänge rund um den Indiskretionssumpf und den Nebel an Andeutungen und Vermutungen: Farce oder Skandal? Klamotte oder Kriminal?

Entrüstung will nicht aufkommen. Der Sog der Idylle ist stärker. Verzockte Millionen? Ja, schlimm, aber kleine Zocker waren wir auch, als wir die Sparbuchzinsen als bieder verschmähten, fremde Währungen und Fonds anlachten und glaubten, beides zu kriegen: Hohe Rendite und Sicherheit.

So erinnert die Befindlichkeit des Landes an einen heißen, trägen Sommernachmittag. Alles steht still, die Luft flirrt und man weiß: Es kann schön bleiben - oder jeden Moment etwas passieren.****

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